Fortschritt - Evolution - Entwicklung

Manipulation der Massen - Das Neueste vom Armbanduhrenmarkt

Nr. 1  in einer Serie über grosse und kleine Gegenwartsprobleme.


Ist der Swatch-Erfolg auch technischer Fortschritt?

Vor geraumer Zeit ging ein Lamento durch die Massenmedien: "Die Schweiz hat den Anschluss an die Entwicklung der Armbanduhr verloren". Eines der wichtigsten, traditionellen Exportprodukte war in Gefahr, den Markt an flexiblere fernöstliche Länder zu verlieren. Entlassungen erschienen als Folge von Management-Fehlentscheidungen. Man hatte den Weg der Zukunft nicht rechtzeitig erkannt. Die Möglichkeiten der Digitalanzeige, zuerst mittels LE-Dioden, dann mit Flüssigkristallen - kurz, der Einzug der Elektronik - war den Verantwortlichen einfach entgangen. In der allgemeinen Entrüstung ging ein wesentlicher Faktor zur Verteidigung der Führung der Uhrenidustrie einfach unter:

DAS NEUERE MUSS NICHT UNBEDINGT DAS FORTSCHRITTLICHERE SEIN!

Es geht hier nicht darum, an die Vorteile der analogen Zeitmessung gegenüber der digitalen zu erinnern (man kann verflossene und verbleibende Zeit als Winkel vergleichen). Vielmehr soll die Frage aufgeworfen werden, ob die Energiequelle der Digitaluhr wirklich zeitgemäss sei, ob eine auswechselbare Batterie gegenüber einem automatischen Aufzug durch die Handbewegungen ein Fortschritt sei. Auch wenn sie drei Jahre aktiv ist, wird Ihnen die Batterie just dann den Dienst versagen, wenn Sie auf einer Reise sind, fern von jedem Spezialgeschäft. Anderenfalls wird das eingeplante Veralten dafür sorgen, dass Sie nach drei Jahren den vorprogrammierten Satz hören: "Dieser Typ Batterie wird nicht mehr hergestellt, heute hat man .....".

Ist es Fortschritt, wenn man zum Ablesen der Zeit zuerst auf einen Knopf drücken muss, oder in der Nacht gar eine eingebaute elektrische Beleuchtung braucht? Wer hat den Konsumenten so geschickt manipuliert, dass er "Neuigkeit" mit "Fortschritt" verwechselt?

Da wurde vor rund vierzig Jahren ein geradezu riesenhafter Rückschritt als Fortschritt verkauft und zwar zur Melodie von einigen Hundert Millionen Dollar in die Kasse des Branchenführers.

Filmen ist noch leichter geworden

Der grösste Konzern der Photobranche beschloss eines Tages, was er wohl nach unserem Wirtschaftssystem beschliessen musste, den Umsatz an Amateur-Filmcameras zu verdoppeln. Vor diesem Beschluss versahen 20 Millionen 8mm-Cameras klaglos ihren Dienst. Mit Argumenten wie Einlegen, Abdrücken, alles Andere besorgt Ihre XTM 64" wurde das ganze 8mm-System über Nacht künstlich veraltet. Man brauchte bloss keine 8mm-Cameras mehr herzustellen und die jetzt veralteten Filme gegenüber den sog. Super-8 Filmen schwerer erhältlich zu machen. Geschickt wurde das Gerücht verbreitet, das Einfädeln eines Films brauche eigentlich fast einen Ingenieursgrad. Man verdeutlichte die Vorteile eines Batteriemotors gegenüber einem Aufzugswerk und propagierte die um 50% grössere Bildfläche. Dafür verschwieg man, dass ab sofort keine echte Zeitlupe und kein Rückspulen zu Trickzwecken mehr möglich war. Der potentielle Vorteil - die dank der grösseren Bildfläche bessere Schärfe - wurde durch eine billige Plastic-Andruckplatte in der Wegwerf-Kassette wieder zunichte gemacht. Aber es waren ja nur die seriösen Filmamateure, die man damit vor den Kopf gestossen hatte. Und die machten ohnehin nur einen kleinen Teil der Käuferschaft aus.

Niemand erinnerte sich, dass es Kassetten anstatt Spulen schon vor 15 Jahren gab. Zudem verwenden Profis und Semiprofis heute Super-8 Material wieder ab Spulen, um die genannten Nachteile zu umgehen. Fortschritt?

Was aber an der ganzen Geschichte wirklich ärgerlich stimmt, ist die Rücksichtslosigkeit, mit der seriöse Filmer, die technische Möglichkeiten zur Gestaltung ihrer Filme brauchten, einfach fallen gelassen wurden, damit Sonntagsfilmer noch müheloser aufs Knöpfchen drücken und das Elaborat des Heranwachsens ihrer Sprösslinge in der Schublade verschwinden lassen können. Also wieder einmal mehr: Quantität vor Qualität.

Inzwischen ist natürlich das Filmen längst durch das Heim-Video überholt worden. Man kann jetzt praktisch zum Nulltarif seinen Sprössling verewigen, das Resultat sofort ansehen und sogar bei Kerzenlicht oder am Morgenstreich "filmen" Allerdings wird die schöne neue Videowelt mit gravierenden Qualtiätseinbussen erkauft: Viel kleineres Bild, schlechtere Auflösung, keine Einzelbild-Trickmöglichkeiten etc. Der "Fortschritt ist zum Mindesten stark relativiert!

Neues beim Radio und beim Tram

Erinnern Sie sich noch an Ihren Dampfradio, den Röhrenempfänger? Ein Blechzeiger wurde von einer Schnur über eine breite Skala gezogen, auf der es von klangvollen Ortsnamen nur so wimmelte: Kalundborg - Monte Ceneri - Ljubljana - Sottens - Hilversum - Daventry - Beromünster. Dann hat man uns mit dem Zückerchen besserer Tonqualität und Störfreiheit das UKW/FM System verkauft und weg waren die Stationsnamen. Anstattdessen war zu lesen "90.60 MHz".

Fortschritt?

Seit 1989 sind wir wieder so weit, wie wir 1959 waren. Dank Radio Data System empfängt Ihr (speziell dafür ein eingerichteter) Tuner (gegen Aufpreis erhältlich) diejenigen Impulse, mit deren Hilfe er den Namen des Senders, den Sie gerade hören auf die Skala schreibt. Allerdings nicht mehr "Beromünster", auch nicht mehr "Schweizer Radio" sondern "DRS 1, 2 oder 3", je nachdem wie alt Sie sind. Toll, nicht wahr?

Drämli, Drämli, Drämli, Drämli...

Die Phantasielosigkeit mit der man neue Institutionen benennt kennt nahezu keine Grenzen mehr. In Basel hatten wir schon immer das T r a m (eine Abkürzung aus dem Englischen). Die Bürokraten tauften es "Basler Strassenbahnen". Als der Bus und der Trolley dazukamen musste man umtaufen und fand nichts besseres als "Basler Verkehrsbetriebe". Und jetzt, da sich der öffentliche Verkehr in dieser Landesecke zusammentat, hat man diesen lobenswerten Fortschritt mit einem buchhalterischen "Tarifverbund Nordwestschweiz" bedacht.

Ein Denkmal für den hl. St. Bürokratius.


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