Manipulation der Massen

Nr. 8 in einer Serie über
grosse und kleine abendländische Tabus


Subtile Beeinflussung

Die Rede ist hier nicht von der Manipulation ganzer Völker durch charismatische Führerfiguren. Vielmehr geht es um das Einlenken der Massen auf etwas das ''man" tut. Die steuernden Elemente dahinter sind kluge Manager auf ihren Gebieten, denen es gelingt bei ihrem Zielpublikum ein gewünschtes Verhalten einzuleiten ohne dass sich die Opfer dessen bewusst werden. Das ist eben Manipulation.

Der Beizer - Trick

Als Schüler Brillat-Savarins und anderer Exponenten der französischen Küche haben wir gelernt, dass S a l a t ein Beigericht zum Hauptessen ist. Das hat seine guten kulinarischen Gründe.
Seit etwa 20 Jahren gilt dieser Grundsatz nicht mehr. Heute heisst es "Nehmen Sie einen Salat zum Voraus?" Und Sie nehmen ihn zum Voraus, den Salat. Zusammen mit Brot und dem Wein, der ohnehin lange vor dem Essen auf dem Tisch steht. So haben die Gäste etwas zu tun und können ihren Appetit stillen während sie auf das Essen warten. Damit sind wir auch schon bei der Ursache angelangt, warum der Salat plötzlich zur Vorspeise erklärt wurde. Nämlich dass die Ungeduld wartender Gäste die klugen Restaurateure veranlasste etwas schnell Angerichtetes zu servieren. Das und nicht etwa neue ernährungsphysiologische Erkenntnisse ist der Grund warum jetzt alle ihren Salat vor dem Essen geniessen. Das Warten auf das Essen ist in der Tat für viele Gäste und Wirte ein Problem. Doch wieder einmal scheint mir die englische Lösung die bessere zu sein. Während man sich im Pub oder in der Bibliothek unterhält, bittet der Gastgeber mit "Dinner is served" zu Tisch. Also wechselt man die Umgebung und erhebt die Hande zum hoffentlich lecker bereiteten Mahle.
Der erste Schluck Bier ist der beste, wenn man so richtig Durst hat, pflegte meine Mutter zu sagen. Auch der erste Bissen zartes Fleisch scheint mir besonderen Genuss zu geben, der sich bei den nachfolgenden Bissen nicht mehr so intensiv wiederholt. Wenn aber meine ersten Bissen dem Salat gelten, so ist das nachfolgende Entrecote bestenfalls noch ein Hungerstiller.
In den 15 Jahren seit Einführung der Salat-Manipulation ist es mir gelungen ganze zwei Menschen aufzutreiben, die sich
a) noch an den Salat als Beigericht erinnern und
b) nicht vorschreiben lassen wann sie ihren Salat zu essen haben.
Der Rest scheint sich damit zu begn&uumlgen, seine Esskultur den "allgemeinen Gepflogenheiten" anzupassen.


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