11. September: Alternativen zu Terror,
Global Business und Religionen

Luc Saner

Der 11. September, ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit?
Keineswegs. Unter dem Titel "War on Terrorism" wird der alte Kampf um Ressourcen ausgefochten. Dabei dürften Öl- und Rüstungsgeschäfte im Vordergrund stehen.

Nach bewährten Mustern
Die Welt wird zu diesem Zweck nach bewährten religiösen Mustern in Gute und Böse aufgeteilt. Nach westlicher Lesart sind die Guten die Terroristenbekämpfer und die Bösen die Terroristen. Zu den Guten zählen die US-Truppen in Afghanistan, die auf ihrem Feldzug gegen das Böse rund 5'000 Zivilisten getötet haben. Flächenbombardierungen, unpräzise Bomben, Bombenabwürfe aus grosser Höhe und bewusst falsche Zielanweisungen der Nordallianz sind für diese Toten verantwortlich. Zu den Bösen zählen die Taliban und die Al Kaida, denen direkt oder indirekt die Attentate in den USA vom 11. September angelastet werden, wobei rund 3'000 Tote zu beklagen waren.

Zum Beispiel Brzezinsky und die Carlyle-Gruppe
Die Resultate dieses Feldzuges gegen das Böse sind ernüchternd. So muss in Afghanistan Präsident Karzai von US-Truppen bewacht werden, ein Mordanschlag gegen ihn und seine Regierung reiht sich an den anderen. Die Afghanen lassen sich wieder Bärte wachsen, die Afghaninnen tragen immer noch die Burka, Opium wird in grossem Stil angebaut und Al Kaida wütet weiter. Die Terrorismusbekämpfung ist ein Fehlschlag. Doch dürfte anderes im Vordergrund stehen. Im Buch des ehemaligen US-Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski, The Grand Chessboard - American Primacy and Its Geostrategic Imperatives, findet sich über Afghanistan eine aufschlussreiche Grafik, mit einer Pipeline von Norden nach Süden. Sie soll &Oouml;l vom Kaspischen Becken bis zum Indischen Ozean transportieren. Weitere Wirtschaftsinteressen kommen hinzu, die bis ins Umfeld von Präsident Bush (Sohn) reichen. So wurde kürzlich in der NZZ über die "Carlyle-Group" berichtet. Die Carlyle ist eine Private-Equity-Gruppe, welche vom ehemaligen US-Verteidigungsminister Frank Carlucci geleitet wird und zu deren Partnern politische Grössen zählen wie Präsident Bush (Vater), der ehemalige Staatssekretär James Baker und der frühere britische Premierminister John Major. Carlyle will laut ihrer Homepage die weltweit führende Private-Equity-Gruppe werden. Zur Zeit zählen über 535 Investoren aus 55 Ländern zu ihren Kunden. Investitionen werden in den Rüstungs- und Energiesektoren getätigt. Carlyle ist von verschiedener Seite kritisiert worden, ihr Beziehungsnetz auszunützen, indem sie wacklige Rüstungsunternehmen kaufe, für diese Regierungsaufträge beschaffe, um die Firmen mit Gewinn zu verkaufen. Bis vor kurzem war Carlyle, die dem breiten Publikum aufgrund der US-Sicherheitsgesetze nicht offensteht, erstaunlicherweise mit der saudischen Familie bin Laden liiert.

Die wahren Hintergründe
Solche Geschichten liessen sich um Dutzende von Facetten ergänzen. Und sie fanden und finden überall auf unserem Planeten statt. Daran hat auch der 11. September nichts geändert. Aber sind solche Geschichten wirklich für alle Zeiten nötig? Oder gibt es Alternativen? Ich meine ja. Um diese Alternativen aufzuzeigen, werde ich fünf Konfliktfelder darstellen, die meines Erachtens zu den wahren Hintergründen des 11. Septembers gehören:

1. die Fehleinschätzungen beider Seiten über die Tragfähigkeit ihrer Religionen, d.h. des Christentums, des Judentums und des Islams;
2. das Bevölkerungswachstum, insbesondere in Verbindung mit dem Ressourcenverbrauch durch den Westen;
3. die Fokussierung der Politik und der Wirtschaft des Westens auf die Marktkräfte und die Globalisierung dieser Ideen über die WTO;
4. das undurchsichtige Nebeneinander offizieller und privater Weltpolitik;
5. die verdeckten Aktionen der Geheimdienste, insbesondere der CIA, und der Wahn des Terrorismus.

Fehleinschätzungen des Christentums, des Judentums und des Islams
Die Stärken dieser und anderer Religionen sind weniger ihre Antworten als ihre zentralen Fragen: nach Gott und der Schöpfung, dem Ende des weltlichen Daseins, dem Tod und der Wiedergeburt, den Verhaltensregeln und den Propheten. Doch sind die Antworten oft verschieden. Allein schon dies lässt am Wahrheitsgehalt dieser Religionen zweifeln, da sich in dieser Hinsicht keine Religion vor allen anderen auszeichnet. Vielmehr dürften diese Religionen nicht göttlicher, sondern menschlicher Herkunft sein. Zudem entsprechen ihre Inhalte durchwegs den Vorstellungen der Zeit, in der ihre Verkünder lebten. So sind Bibel, Talmud und Koran weit über 1'000 Jahre alt. Dementsprechend überholt sind viele ihrer Vorstellungen, insbesondere das anthropozentrische Weltbild. Aufgrund der räumlichen und zeitlichen Dimensionen des Universums ist es nämlich unwahrscheinlich, dass das Universum um der Menschheit willen geschaffen wurde, so dass auch ein persönlicher Gott unwahrscheinlich ist, wie ihn das Christentum, das Judentum und der Islam postulieren. Vielmehr muss die Menschheit als Folge und Bestandteil eines seit 15 Milliarden Jahren andauernden Evolutionsprozesses angesehen werden. Dieser Evolutionsprozess begann nach der heute herrschenden Lehre mit einem Urknall, brachte über hundert Milliarden Galaxien mit jeweils Hunderten von Milliarden Sonnen hervor und liess auf unserem Planeten vor vier Milliarden Jahren das Leben entstehen. Die religiösen Gräben liessen sich zuschütten, wenn die religiösen Fragen auf der Grundlage der Evolutionstheorien einer Antwort zugeführt würden.
In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass einige religiös motivierte Bundesstaaten der USA das Vermitteln von Darwins Evolutionslehre in ihren Schulen verbieten, weil sie der Bibel widerspricht.

Nachhaltige Entwicklung
Eine nachhaltige Entwicklung setzt ein stabiles Gleichgewicht zwischen Bevölkerungswachstum, Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung voraus. Der Westen ist mit seinem exorbitanten Ressourcenverbrauch weit davon entfernt, ein derartiges Gleichgewicht zu erreichen. So haben die an der Universität Cornell in New York tätigen Wissenschaftler David und Marcia Pimentel bereits 1991 festgehalten, dass die USA gestützt auf ihre landeseigenen, erneuerbaren Ressourcen das gegenwärtig hohe Niveau von Energieverbrauch, Lebensstandard und Wohlstand nur beibehalten können, wenn eine Bevölkerungszahl zwischen 40 und 100 Millionen statt der heute rund 280 Millionen angestrebt wird. So verbraucht allein der US-Transportsektor mehr als die landeseigene Ölproduktion. Statt diese Situation der Bevölkerung zu kommunizieren und daraus die nötigen Schlüsse zur Begrenzung des weltweiten Bevölkerungswachstums zu ziehen, versuchen vor allem die USA, sich die Herrschaft über die weltweiten Rohstoffe zu sichern. Ein dauerhafter Konflikt ist so unumgänglich.

Markt und Globalisierung
Im Gleichklang mit dieser Wachstumsideologie und in Ermangelung einer umfassenden, tragfähigen Weltanschauung wird der "Markt" zur weltweiten Religion erhoben, Big Business gleichsam heilig gesprochen. Namentlich mittels der WTO und ihrem Regelwerk wird die Idee des Marktes im globalen Masstab exportiert. Eine derartige ideologische Monokultur muss scheitern. Es wäre geschickter, die insbesondere im Westen vorherrschende Ideologie des Marktes durch eine umfassende Weltanschauung abzulösen, basierend auf den Theorien über die kosmische, biologische und menschliche Evolution. Zur Entwicklung dieser neuen Weltsicht liesse sich für den naturwissenschaftlichen Teil vielleicht die Rüstungsindustrie gewinnen, die sich heute nur indirekt mit diesen Theorien befasst. Die Rüstungsindustrie befindet sich aber in vielen für die Evolutionstheorien wichtigen Gebieten an der Spitze der Wissenschaften. Dazu zählen die Raumfahrt sowie die Computer- und Atomtechnologie, aber auch die Grundlagenforschung der Physik, Chemie und Biologie. Für die Entwicklung des geisteswissenschaftlichen Teils dieser neuen Weltsicht liessen sich vielleicht die religiösen Organisationen gewinnen, vor allem aufgrund ihrer theologischen, philosophischen und organisatorischen Kompetenz. Damit könnten viele Arbeitsplätze erhalten bleiben, so dass der Verzicht auf die alten Aufgaben leichter fallen würde. Zudem würden Hunderte von Milliarden Dollars für die Erforschung der Evolution zur Verfügung stehen. So ist absehbar, dass die weltweiten jährlichen Rüstungsausgaben die Schallmauer von 1'000 Milliarden Dollars bald durchbrechen werden.

Offizielle und private Weltpolitik
Eng mit der Idee der Marktwirtschaft ist die Idee der privaten Weltpolitik verknüpft, die auf die offizielle Weltpolitik nachhaltigen Einfluss nimmt. Die Wurzeln der privaten Weltpolitik reichen bis zu der "Glorious Revolution" von 1688 in England zurück, womit die Begrenzung staatlicher Macht und die Unantastbarkeit des Privaten institutionalisiert wurden. John Locke verarbeitete diese politische Revolution 1689 in seiner Schrift "Two Treatises of Government". Im Freimaurertum, im 19. Jahrhundert in der Rhodes-Milner-Gruppe, im 20. Jahrhundert im Council on Foreign Relations, in den Bilderberger-Konferenzen, der Trilateralen Kommission und schliesslich im World Economic Forum (WEF) fand die private Weltpolitik ihren organisatorischen Ausdruck. Das WEF ist zum Weltparlament des globalen Unternehmertums geworden. Obwohl private "Think Tanks" und die weltweite Verbreitung der Marktwirtschaft als solche zu begrüssen sind, darf die staatliche Ebene nicht durch wenige Private mit eindimensionaler Optik beherrscht werden. Die obgenannten Vorschläge würden helfen, die Schwächen der offiziellen gegenüber der privaten Weltpolitik auszugleichen.

Geheimdienste und Terrorismus
Die CIA, der wohl weltweit wichtigste Geheimdienst, verletzt mit seinen verdeckten Aktionen und seiner Desinformationspolitik regelmässig diejenigen Werte, die gemeinhin die westliche Welt hochhält: Rechtsstaat, Freiheit und Selbstverantwortung. Dieses Verhalten des CIA verletzt das wichtigste Führungsprinzip, nämlich das Führen durch ein glaubwürdiges Vorbild. Dass die USA und der CIA mit ihrem heutigen Verhalten beileibe nicht alleine sind, macht das Ganze auch nicht besser. Und der Terrorismus ist trotz hehrer Ziele nichts anderes als das Spiegelbild des geschilderten staatlichen Verhaltens. Geheimdienste sollten deshalb die Vorbildfunktion bei ihren Aktionen nicht vergessen. Der CIA sollte sich deshalb in Zukunft grundsätzlich auf das Sammeln von einschlägigen Informationen konzentrieren.

Neue Wege nötig
Ich bin überzeugt, dass die geschilderten Massnahmen uns weiter bringen als Terror, Big Business und die dabei aufeinanderprallenden Religionen. Zum Gedächtnis aller Opfer dieser Attentate und Kriege sollten wir Menschen zumindest versuchen, alte Reflexe zu überdenken und uns auf neue Wege zu begeben.

Alle Rechte vorbehalten, Luc Saner, Basel, 2002.

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