Die tagtägliche Katastrophe


Von Ruedi Suter


Krieg gegen den Terror
  Da ist uns Zivilisationsverwöhnten der so oft verdrängte Tod ins Auge gesprungen, am 11. September 2001 in NY. Der Einschlag der Jets, der Einsturz der Zwillingstürme, die im Schutt Begrabenen und das Schreckgespenst des Terrorismus haben uns für einige Monate ziemlich aufgerüttelt. Unterdessen hat die USA den mutmasslichen Drahtzieher und seine Helfer in Afghanistan weggebombt. Was am Hindukusch genau passiert, wissen wir zwar nicht, doch hat uns der mit einer simplen Weltsicht gestrafte Präsident George W. Bush versprochen,"das Böse" auch fortan auszumerzen. Mit massiver Aufrüstung, notfalls sogar mit dem Einsatz von Mini-Atombomben. Die Tragödie des 11.9.2001 liegt vor allem darin, dass ihr die Verhältnismässigkeit zum Opfer fiel. Anstatt sämtliche Kräfte für die Rettung unserer gefährdeten Lebensgrundlagen zu mobilisieren, wird diesen wieder einmal mit einem neuen Krieg zugesetzt.

Krieg gegen die Natur
Das ist fatal, weil das Immunsystem des Lebewesens Erde bedrohlich angeschlagen ist. Niemand weiss, wie lange es noch funktioniert und uns das Dasein ermöglicht. Weil alles Lebenswichtige zu verschwinden droht: Das saubere Wasser, die reine Luft, der fruchtbare Boden. Die Urwälder, die Eiswelten, die schützende Ozonschicht. Die letzten Naturvölker mit ihrem traditionellen Wissen, bekannte oder nie erkannte Tiere und Pflanzen, Kreisläufe, natürliche Laute, Gerüche und Geschmäcke. Unwiederbringlich verschwindet auch ein unfassbares Universum an Zusammenhängen und Prozessen, die sich im Verlaufe einer Ewigkeit entwickelten. All dies geht verloren - nur wir nicht. Wir, die Nutzniesser und Vernichter dieser Lebensgrundlagen. Wir, die Schöpfer einer Ersatz-Welt, die all jenes wettmachen soll, was wir unbekümmert verschwenden und aus der Welt schaffen.

Ein weiteres Umwelt-Symbol verschwindet
Verschwunden ist auch eines der engagiertesten Symbole gegen das Kaputtmachen natürlicher Lebensgrundlagen - der Basler Bruno Manser. Mit Leib und Seele hat er sich gegen die skrupellose Naturzerstörung eingesetzt. Doch seit Mai 2000 gibt es von ihm kein Lebenszeichen mehr. Seine Spuren verlieren sich in den kläglichen Überresten des Urwalds von Sarawak. Er verschwand so spurlos wie ein Teil jener Welten, für die er sich einsetzte. Manser war einer, der lebte, was er sagte; der hinsah, wenn andere längst schon wegsahen; der das Wesentliche noch vom Unwesentlichen zu unterscheiden wusste. Trotzdem gehörte er wie ich zu jener Generation von Europäern, die kurz nach 1950 auf die Welt kam. Laut Christian Pfister sind wir mit dem "50er-Syndrom" aufgewachsen. Damit meint der Schweizer Umwelthistoriker die einschneidende Wende im Umgang mit der Natur in den 1950er Jahren. Von da ab beschleunigte sich die Umweltzerstörung in einem noch nie beobachteten Tempo: Vor allem dank der verschwenderisch verwendeten Billigressource Erdöl. So war das "50er-Syndrom" mit ein Werk jener Elterngeneration, die ihr Weltkriegstrauma mit Arbeit, Sicherheit und Wohlstand zu bewältigen versuchte.


Back to Ecolology
Back to Home Page