Die tagtägliche Katastrophe

Von Ruedi Suter

2

Die Fünfziger Generation

Uns beeinflussten Ereignisse wie Entkolonialisierung, Mondlandung, Kalter Krieg, 68er-Bewegung, sexuelle Revolution, atomare Raketenbedrohung, Wirtschaftsboom, Bevölkerungsexplosion, "Erdölkrise", Atombombentests, Seveso, Tschernobyl, Waldsterben, Aids, Fall der Berliner Mauer, explodierender technischer Fortschritt, Stellvertreterkriege, Umweltzerstörung, Hungersnöte, Tourismus, Gleichberechtigung, Internet, Gentechnologie und Globalisierung.
Derartiges hat uns geprägt. Gleichzeitig durften wir in den Industrienationen mit unseren Kindern goldene Zeiten erleben. Keine frühere Generation konnte sich je derart unbeschwert ihres Daseins erfreuen. Ohne Kriege und existentielle Nöte, mit einem Minimum an äussern Zwängen und einem Maximum an persönlichen Freiheiten. Wir haben Nahrung im Überfluss, Arbeit, Energie, fliessend Wasser, warme Wohnungen, Bildungs- und Forschungsstätten, Krankenhäuser, Theater, Kinos und Supermärkte. Wir leben in Demokratien, glauben an Fortschritt und Machbarkeit, sind versichert, informiert, sehen fern, fahren Auto, geniessen Freizeit und Unterhaltung, benutzen das Internet, können reisen, fliegen, besitzen Eisschrank, Computer, Mobiltelefon und gehören zu jenem Bruchteil der Menschheit, welcher seine Zukunft durch weitere wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Errungenschaften gesichert glaubt. Wir haben uns ein eigenes "Paradies" erschaffen: Bequem, berauschend, beherrschbar und nachahmenswert für andere Völker. Ist dies nicht Garantie genug, dass wir alle erkannten Probleme in den Griff bekommen?
Denn ignorant sind wir ja nicht. Als aufgeklärte Bürger und Bürgerinnen haben wir begriffen, dass unsere aufwändige Lebensweise nur funktioniert, weil sie auf Kosten der Natur und anderer Völker geht. Die jahrtausendealten Urwälder der Waldvölker Amerikas, Afrikas und Asiens stillen unseren Papierbedarf und enden als Bauholz, Möbel und Besenstile. Nur schon die Förderung, der Transport, die Verarbeitung und der Verbrauch von Erdöl, Uran oder Erzen führt ohne Unterlass zu grossen Umweltschäden mit kaum absehbaren Folgen. Wir wissen, dass wir mit dem Bau unseres "Paradieses" Lebensgrundlagen zerstören. Wir wissen auch, dass wir auf Pump leben und Rohstoffe verbrauchen, ohne wenigstens einen gleichwertigen Ersatz zu schaffen.

Ein Ausweg?

Was aber, wenn diese Ressourcen erschöpft sind? Haben wir dann wirklich das Wissen, die Kraft, das Geld und vor allem noch die Zeit, um uns aus der Patsche zu helfen? Und was, wenn das Ökosystem kollabiert? Wenn sich die Machbarkeitsideologie der Industrieländer angesichts der Vielfalt an selbst eingebrockten, lebensbedrohenden und nicht mehr zu lösenden Umweltproblemen als fataler Irrtum herausstellt? Wenn also das eintritt, vor dem nachdenkliche Frauen und Männer mit Gespür für die komplexen Zusammenhänge ebenso warnen wie kritische Wissenschaftler, Politiker oder Umweltschützer beider Geschlechter. Sie erscheinen in Form unterschiedlichster Persénlichkeiten, wie Arundhati Roy, Juliy Butterfly Hill, Franz Weber, Lester Brown, Alexander Nikitin, David F. McTaggert, Bruno Manser oder Paul Ehrlich.


Back to Ecolology

Back to Home Page