SPANNUNG OHNE GEWALT

Eine Würdigung von Stanley Kubrick und Arthur C. Clarke

Verfasst 1983

Nr. 3 in einer Serie über grosse und kleine Gegenwartsprobleme.


A Space Odyssey (QT 548 KB)
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 Bald 25jährig, ist Kubrick's "2001 - A Space Odyssey" immer noch der beste Film des Science Fiction Genre und der schönste aller modernen Märchenfilme.

 Noch immer finde ich in diesem in jeder Beziehung nahezu perfekten Meisterwerk Finessen, die mir in früheren Jahren einfach entgangen waren. Noch immer grüble ich an Clarke's Darstellung menschlicher Evolution und persönlicher Vergänglichkeit herum. Noch immer beschäftigt mich die Symbolik der Monoliten im Tycho-Krater und auf Jupiter-Umlaufbahn. Er fordert heraus, dieser Film, denn es scheint fast, dass er einen inhaltlichen Standard erreicht hat, der seither nicht zu übertreffen war.

 Da ist es offenbar gelungen, echte Spannung zu erzeugen, ohne zum banalen Allerweltsrezept des masslosen Blutvergiessens greifen zu müssen, wie es Kubrick später in "The Shining" nicht lassen konnte.

 Das Urteil des vorwiegend jungen Publikums am Ausgang war überraschend und erschreckend: "Isch das e Saich gsy". Kommt ein Action Film wirklich nur noch mit geballter Brutalität an? Da wurde allerorts "Star Wars" hochgejubelt. Massenvernichtung, Tod und Grausamkeit. Technisch keineswegs um zwanzig Jahre voraus. Die Handlung beinhaltet eine eher magere Aussage.

 Man braucht sicher nicht selber Filmer zu sein, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass Kubrick mit diesem, zugestanden aufwendigen Film, eine Pionierleistung erbracht hat. Dieser Streifen kommt ganz ohne Schiessereien aus. Er braucht keine "spannende" Verfolgungsjagd mit Autos und - wie unkonventionell - keine Liebesgeschichte. Der junge Mann vor mir: "Hoffentlich kunnt bald e Frau, susch wird's mer langwiilig". Fünf Minuten später steht er enttäuscht auf und geht.

 Es ist zu befürchten, dass vielen Leuten Feinheiten und Gags gänzlich entgehen, weil sie durch Bleihammereffekte à la James Bond abgestumpft worden sind. Die Effekte der Popmusik sind ja schliesslich auch handgreiflicher und oft lautstärker als die subtilen Spannungen im echten Jazz oder in der klassischen Musik. Wie feinfühlig hat doch Kubrick seine Musik gewählt. Richard Strauss' grandioses "Also sprach Zaratustra" untermalt Szenen aus der Urzeit des Menschen. Nach der Erfindung des Werkzeugs (und der Handwaffe) wirbelt ein Knochen durch die Luft und blendet über in ein Raumschiff. Besonders raffiniert ist die Wahl von Wienermusik des anderen Strauss, zu der sich nach der berühmten Ueberblendung die routinemässige Raumfahrt in alltäglicher Selbstverständlichkeit abspielt. Eine Zweimanncrew in weissen Blazern überwacht in lässiger Überlegenheit die Technik des 21. Jahrhunderts, und was unterlegt Kubrick diesen Szenen: "An der schönen blauen Donau" - anstatt wie andere, quälende Computermusik!

 Feine Gags, - zugleich einträgliche Reklame - wie die Farben der PanAm auf einem Raumkreuzer, ein Hotel namens Hilton, ein Holiday Inn-Restaurant oder die Bezeichnung IBM am Bordcomputer HAL 9000, alles im Jahre 2001, sind wohl kaum angekommen.

 Die wissenschaftlich-technische Beratung für diesen Film muss erstklassig gewesen sein. Da ist z.B. kein Geräusch zu hören bei Szenen im freien Raum, wie etwa das Zischen von Raketentriebwerken in banalen SF-Serien. Nur das Atmen des Hauptdarstellers zeigt dessen physische und psychische Beanspruchung neben dem Rauschen einströmender Atmungsluft.

 Auch die Cockpits der Zukunft werden glaubhaft dargestellt. Neben bekannten Abkürzungen wie NAV (Navigation) und COM (Communications) erscheinen Zukunftsanaloge wie HIB (Hibernation) und NUC (Nuclear) auf den Videoschirmen.

 Die Trickaufnahmen am Ende der Jupiterreise und die farbliche Denaturierung der Planetenoberfläche wurden technisch in zwanzig Jahren noch nicht übertroffen, dafür aber unzählige Male nachemfunden, sogar in der Werbung.

 Auf die Frage, von was dieser Film eigentlich handeln soll, würde ich antworten, dass er versucht, die Beziehung des Menschen zum Unfassbaren zu umschreiben. Er ist die schönste Aussage über Religion seit Lessing's Ringparabel.


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