Ist unsere Sprache |
Warum schreibe ich diesen Aufsatz
Hoch-Deutsch, in einer Fremdsprache, die ich in der Schule lernen
musste?
Weil wir "Deutsch"schweizer, seit es uns als Teil einer
Nation gibt, mit unserer eigenen Sprache eine
defensiv-unterwürfige Haltung einnehmen. Wir liessen unsere
Verständigungsform seit Jahren von den Nachbarn im Norden
lächerlich machen. Man hat kurzerhand unsere Sprache als
"Dialekt" disqualifiziert und sie ins Getto des
Nur-Gesprochenen verbannt.
Wer oder was bestimmt eigentlich was eigenständige
Sprache, was Dialekt ist?
Wenn es um die Grösse der Unterschiede geht, so ist das
Schweizer"deutsch" zweifellos eine Sprache. Sie weist
grössere Abweichungen vom Hochdeutschen auf als
beispielsweise das Holländische vom Flämischen oder das
Dänische vom Norwegischen.
Wenn man aber einem Norweger sagt, er spreche einen
dänischen Dialekt so wird er entrüstet kontern:
"Vor vierhundert Jahren waren beide Länder ein
gemeinsames Königreich, aber unsere Sprache hat sich
getrennt entwickelt, seit es ein Norwegen gibt. Wir sprechen
norwegisch, die andern dänisch."
Wie gesagt: Die orthographischen und phonetischen Unterschiede
sind viel kleiner als zwischen deutsch und schweizerisch! Was
also ist "Sprache", was "Dialekt"?
Unser von anderen Sprachgruppen so unterschiedliches Verhalten
hat uns z.B. das Kuriosum beschert keine eigene Schriftsprache zu
besitzen. Sogar unser Parlament muss in einer verwandten
Fremdsprache parlieren. Das bringt uns
"Deutsch"schweizer natürlich in eine
benachteiligte Lage gegenüber den Romands und den Ticinesi,
die ihr Patois schon lange verlassen haben und ein reines
Französisch resp. Italienisch sprechen.
Leider wird von den Welschschweizern nicht anerkannt, dass wir
uns ihretwegen mit einer Fremdsprache abmühen und daher ein
Stück unserer Kultur vernachläsigen müssen.
Der alte Einwand gegen die Verwendung der allemannisch-
schweizerischen Sprache ist immer noch, dass man einen Walliser
oder einen Berner Oberländer nicht verstehen könne. Das
ist purer Unsinn. Es mag einige wenige Wörter geben, die man
zuerst erfragen muss, aber sonst kann ein Schweizer einen
Schweizer aus einem anderen Kanton verstehen, wenn er/sie will.
Stellen Sie sich doch einmal eine Sprache vor bei der Sie die Herkunft des Sprechenden bis auf 60 Kilometer genau definieren können -wenn er/sie in der Fremdsprache Englisch spricht!!! Genau das charakterisiert die Dialekte der schweizerischen Sprache, von der es leider keine geschriebene Version gibt.
Im Gegensatz zur üblichen Verniedlichung des Schweizerischen bin ich stolz auf meine Sprache. Besonders im Vergleich mit der Hochdeutschen. Denn sie beinhaltet weit mehr Internationalismen und ist damit trotz ihrer Bedeutungslosigkeit weltoffener als die Hochsprache.
Es ist bedauerlich wie die Medien TV und Radio, die sich ja
vielfach der Hochsprache bedienen müssen, die
schweizerischen Eigenheiten unter den Tisch wischen.
Dies betrifft in erster Linie neudeutsche Wortschöpfungen
und die Ausprache von Fremdwörtern.
Schauspieler sowie TV- und Radiosprecher haben in den von
Deutschen geführten Sprachschulen umlernen mssen und
sind jetzt in der Lage, Fremdwörter "deutsch", und
falsch auszusprechen.
Während wir seit Jahren viele Fremdwörter aus dem
Französischen in unsere Sprache aufgenommen haben, werden
dieselben Begriffe bei den Deutschen -im Zuge der Modewelle- aus
dem Englischen entlehnt:
"der Rapport" (CH) kommt aus dem
Französischen, "der Report" (D) kommt aus
dem Englischen.
Lange vor dem gequälten "Service" (Sörwiss
ausgesprochen) kannten wir das französische
"service".
In der Schweiz heisst es "die Etikette" und weder
"das Etikett" noch "das Label"".
Wegen dieser unterschiedlichen Herkunft ist der Artikel in den
beiden Sprachen verschieden. Da das Französische
männliche und weibliche Artikel kennt, das Englische nicht,
heisst es im deutschen Deutsch "das
Limit" (aus: the limit), im schweizerischen Deutsch aber
"die Limite" (aus: la limite).
Warum ist das für die schweizerischen Sprecher so schwer zu
begreifen?
Seit wir Kontakt mit unseren wichtigen nördlichen Geschäftspartnern haben, werden wir unserer Aussprache wegen von diesen belchelt. Ich finde es ist an der Zeit, den Spiess umzukehren. Dazu gibt es, der "Amerikanisierung" des Deutschen wegen, massenhaft Anlass.
"Die Aussprache der Deutschen kennt den Vokal "ä" nicht, das Schweizerische wohl. "Ä wie in Ärde (CH). Und daher kommt der Pferdefuss der deutschen Americamanie: dieser Laut ist der zweithäuffigste im Englischen. Wer ihn nicht aussprechen kann, wie 90 % der Deutschen, liesse die Verwendung englischer Fremdwörter besser bleiben. Sonst wird aus Dallas "Delles", aus Miami "Meiehmi", aus Canada "Kenneda", aus Los Angeles "Los Ehntscheles", aus Natalie wird "Nettelie". Man und men sind nicht mehr zu unterscheiden, weil beide wie "men" ausgesprochen werden. Rats werden zu "Rets", acid wird zu "ehsid", food additives zu "Food Edditifs" und wenn in einem der vielen in Berlin verdeutschten Filmen jemand teutonisch nach "Ellis" oder "Casey" ruft (so wenigstens tönt das unbeholfene Dubbing), so sind das keine Familiennamen, sondern die Vornamen Alice und Cathy!