SPANNUNG ZWISCHEN HOCHDEUTSCH UND DIALEKT

Die geprochene Sprache ist Träger unserer Kultur


Kommerzielle Hintergründe für die Verdrängung des Schweizerdeutschen

Unsere sprachliche Kultur wird schleichend der kommerziellen Überlegenheit Deutschlands geopfert. Die Zahl der deutschschweizer Leser erreicht etwa ein Fünftel der deutschen Leserschaft. Nennen wir das einmal die 5-Prozent Regel. Im gesamten deutschsprachigen Raum spricht wohl ein noch kleinerer Anteil "Schwyzerdütsch". In der Wirtschaft wird ein derart unbedeutender Markt ins Ausland verkauft und dort rationalisiert. Unsere sprachliche Unrentabilität wird den Deutschen geopfert.
Die Erstrecker des Opfers sind beim geschriebenen Wort die Printmedien, beim gesprochenen Wort die Radio- und Fernsehsprecher. Täglich sind zahlreiche Beispielen zu hören, wie ein weiterer schweizerdeutscher oder deutschschweizer Begriff zum Verschwinden gebracht wird. Müssen wir wirklich unsere eigenständige Kultur dem Kommerz opfern?

Für Anderssprachige soll der Umgang mit Deutschweizern einfacher sein, wenn letztere nur noch Hochdeutsch sprächen.
Der Kern des Problems ist, dass Deutschschweizer keine eigene Schriftsprache kennen. Das mag daran liegen, dass sie immer von den Deutschen ihrer Sprache wegen belächelt worden sind. Gemeint ist gesprochene Sprache, nicht Schriftsprache. Hochdeutsch ist für allemannische Schweizer eine Fremdsprache, die sie in der Schule erlernten.

Die Grenze zwischen Hochsprache und Mundart

Wie definiert man eigentlich einen Dialekt? Der Unterschied in Grammatik und Wortbildung zwischen Schwyzerdütsch und Hochdeutsch ist grösser als beispielsweise zwischen Dänisch und Norwegisch. Beide Länder waren vor rund 400 Jahren ein einziges Königreich mit gemeinsamer Sprache. Inzwischen hat sich das Norwegische nur wenig vom Dänischen weg entwickelt. Trotzdem würde es keinem Norweger einfallen Norwegisch als Dialekt des Dänischen zu bezeichnen. Kein Belgier würde Flämisch als Dialekt des Holländischen anerkennen.

Die Schweizerdeutsche Sprache kennt aber ihrerseits Dialekte. Ein unbefangener Amerikaner staunt nicht wenig, wenn er einen Deutschschweizer Englisch sprechen hört und wir auf 50 Kilometer genau sagen können, woher der Sprecher kommt. Sein "Accent" verrät das. Aussergewöhnlich an der deutschschweizer Sprache ist eben, dass sie so viele Dialekte hat und kein akkreditiertes Amtsschweizerisch kennt.
Wir alle erkennen auch unschwer einen Touristen, der seinen Weckwunsch im italienischen Hotel so intoniert: "Peah fawohrö sweliarö alle zettö". Dürfen wir da jetzt auch lachen?

Schweizerdeutsch ist "internationaler" als Hochdeutsch

Dank unserer Vielsprachigkeit kennt unsere Kultur Wörter, die unsere Sprache international besser verständlich machen als das künstlich reingehaltene Hochdeutsche.
Man sagt und schreibt in der Schweiz Helikopter und nicht Hubschrauber, Adresse anstatt Anschrift, Offerte statt Angebot; wir exportieren und importieren statt ein- und auszuführen, produzieren statt zu erzeugen, machen einen Brief nicht frei, sondern frankieren ihn und bezahlen ihn pro Gramm statt je Gramm.
Unser Wort Metabolismus klingt in den meisten Sprachen ähnlich. Sollen wir jetzt das deutsche Verstoffwechselung einführen? Wir lieben Dessert mehr als Nachspeise; hören Radio statt Rundfunk; verwenden Karton statt Pappe; warten vor einer Barriere statt einer Schranke. Wir sagen lieber Korrespondenz als Schriftwechsel, Literatur statt Schrifttum, gratis statt unentgeltlich, Spezialprodukt statt Sonderanfertigung und lokal statt örtlich. Das alles wie immer ohne Garantie, nicht etwa ohne Gewähr (ausgesprochen wie eine Flinte).
Diese schweizerdeutschen Wörter sind mit ihren lateinischen Wurzeln international besser verständlich und unterliegen keinem sprachlichen "Reinhaltegesetz".

Leider geht die Entwicklung heute mehrheitlich in die andere Richtung. So will man jetzt unseren welschen Miteidgenossen durch vermehrten Gebrauch der schriftdeutschen Umgangssprache die Mühe ersparen unsere "unbrauchbare" Mundart erlernen zu müssen. Wieso eigentlich, wo doch ohnehin Franzrösisch gesprochen wird wann immer Romands und Deutschschweizer zusammenkommen?

Zum Charme unserer Sprache gehören die vielen alten Lehnwörter aus dem Französischen. Auch "Fremd"wörter mit lateinischen und griechischen Stämmen haben in unserer deutschschweizer Sprache eine lange Tradition. Wir sagten und schrieben Banquier lange bevor die Deutschen den Englischen Begriff "Banker" übernahmen.
Eine Grenze wird bei uns mit die Limite bezeichnet - aus französisch la limite. Die Deutschen kamen viel später auf den englischen Begriff the limit und machten daraus das Deutsche "Das Limit". Da wir uns aus rein kommerziellen Gründen anpassen wollen, geht die Limite verloren.

Der unselige Überhang des Hochdeutschen in unserem Sprachgebrauch hat zur Verdrängung unzähliger Wörter geführt, die einst Bestandteil unserer sprachlich offenen Kultur waren. Damit wird unsere Verständigung mit Fremdsprachigen keineswegs besser. Als die ersten Polymere aufkamen benützten wir noch das international verständliche Plastik, bis wir von den Deutschen das Wort "Kunststoff" übernahmen.
Vor kurzem galt bei uns noch das Verb probiere. Heute verwenden fast alle das dem Deutschen angeglichene "versuech"; unser schweizerisches öpper wird zum "jemand". Dasselbe Schicksal ereilte unser aafange, es wurde zum "beginne", Händsche wurden zu "Handschueh", Bauele wird zur "Baumwulle", um nur einige Beispiele zu nennen.

Offenbar schämen wir uns immer noch unserer Sprache. Schulen mit vorwiegend fremdsprachigen Kindern, sogar Kindergarten sollen Hochdeutsch als Umgangssprache einführen.
Dabei wird offenbar vergessen, dass unsere Umgangssprache in ihrem Charakter eigentlich "internationaler" ist als das Hochdeutsche.

Wer soll sich wem anpassen?

Das Erlernen der Landessprache ist in einigen Ländern Bedingung für Aufnahme und Integration.
In der ehemaligen Sowjetrepublik Estland ist es einmal zu Aufständen gekommen, weil die zugewanderten russischen Soldaten die estnische Sprache nicht lernen wollten.

Dass wir uns des Schweizerdeutschen schämen ist auch in Mundart-Radiosendungen zu spüren. Soll darin eine fremdsprachige Aussage übersetzt werden, so wechselt man plötzlich auf Hochdeutsch. In einer schweizerdeutschen Sendung wird von einer Fremdsprache in eine andere übersetzt.
Gelegentlich schalten wir im Gespräch mitten in einem Satz auf Hochdeutsch um, vielleicht um damit die Aussage zu betonen: "Er isch e fabelhafte Darsteller, im wahrsten Sinne des Wortes, e Könner", anstatt: "Er isch e fabelhafte Darsteller, im wohrschte Sinn vom Wort., e Könner".

Schutz der eigenen Sprache oder des Hochdeutschen?

Es gibt bei uns sogar eine Bewegung, die den Trend zur Eigensprache bremsen will. Zum Schutz der Schriftsprache, wie es heisst. Den Rest besorgt das Deutsche Fernsehen und die deutschen Agenturmeldungen, die ohne Berücksichtigung schweizerischer Eigenheit von unseren Zeitungen übernommen werden. Mit unübersehbarer Gewalt bricht das Deutschtum auf diesen Wegen über unsere Sprache herein. Der Grund, warum die Schleusen offen bleiben, liegt allein in der wirtschaftlichen Unterlegenheit der Schweiz.
Die kulturellen Schönheiten der Erde gewinnen nichts durch die Globalisierung. Wenn Musik zu "World Music" oder Sprache zum Einheitsbrei à la Basic English degradiert wird, so entstehen Verluste am Kulturgut, wie wir sie in der Natur als Artensterben kennen.
Die wahren Juwelen sind die Unterschiede der Eigenständigkeit gegenüber der Vereinheitlichung.

Schlussfolgerung

Wie bei anderen kulturellen Konflikten ist es die Minderheit, die des Schutzes bedarf. Nicht die deutsche Sprache muss geschützt werden; die Gefahr droht unserer Mundart.
Wenn wir weiterhin den kommerziellen dem kulturellen Aspekt vorziehen, so steht dem Verschwinden unserer Eigenheit, auf die wir stolz sein können, nichts mehr im Wege.
Der Kommerz will Einheitlichkeit, nicht Individualismus.

Back to Languages

Back to Home Page