SPANNUNG ZWISCHEN HOCHDEUTSCH
UND SCHWYZERDÜTSCH


Die geprochene Sprache ist Träger unserer Kultur


Links zu Kapiteln auf dieser Seite:

Kommerzielle Hintergründe für die Verdrängung des Schweizerdeutschen
Die Grenze zwischen Hochsprache und Mundart
Schweizerdeutsch ist "internationaler" als Hochdeutsch
Demnächst in Ihrem Kindergarten
Wer soll sich wem anpassen?
Schutz der eigenen Sprache oder des Hochdeutschen?
Französisch und Englisch in den Medien
Schlussfolgerung

Kommerzielle Hintergründe für die Verdrängung des Schweizerdeutschen

Unsere sprachliche Kultur wird schleichend der quantitativen wirtschaftlichen Überlegenheit Deutschlands geopfert.
Rund 60 Millionen deutsche stehen rund 3 Millionen deutschschweizerischen Lesern gegenüber. Nennen wir das einmal die 20 : 1 - Regel.
Die Überbringer des Opfers sind beim geschriebenen Wort die Printmedien, beim gesprochenen Wort die Radio- und Fernsehsprecher.
Täglich sind zahlreiche Beispielen zu hören, wie ein weiterer schweizerdeutscher oder deutschschweizer Begriff zum Verschwinden gebracht wird.
Die 20:1 Regel ist für die Medien von grosser kommerzieller Wichtigkeit.
Hunderte von Millionen Euros können eingespart werden, wenn es gelingt einen grossdeutschen Raum D-A-CH zu realisieren.
Die Einsparungen durch grenzüberschreitende Anwendungen stellen ein verlockendes Potenzial dar.
Müssen wir wirklich unsere eigenständige Kultur dem Kommerz opfern?
Für Anderssprachige soll der Umgang mit Deutschweizern einfacher sein, wenn letztere nur noch Hochdeutsch sprächen. Ich möchte das bezweifeln.
Der Kern des Problems ist, dass Deutschschweizer keine eigene Schriftsprache kennen. Das mag daran liegen, dass sie immer von den Deutschen ihrer Sprache wegen belächelt worden sind. Gemeint ist gesprochene Sprache und nicht Schriftsprache. Hochdeutsch ist für allemannische Schweizer eine Fremdsprache, die sie in der Schule erlernten.

Die Grenze zwischen Hochsprache und Mundart

Wie definiert man eigentlich einen Dialekt?
Sehr wilkürlich.
Der Unterschied in Grammatik und Wortbildung zwischen Schwyzerdütsch und Hochdeutsch ist grösser als beispielsweise zwischen Dänisch und Norwegisch. Beide Länder waren vor rund 400 Jahren ein einziges Königreich mit gemeinsamer Sprache. Inzwischen hat sich das Norwegische nur wenig vom Dänischen weg entwickelt. Trotzdem würde es keinem Norweger einfallen Norwegisch als Dialekt des Dänischen zu bezeichnen. Kein Belgier würde Flämisch als Dialekt des Holländischen anerkennen.

Die schweizerdeutsche Sprache kennt aber ihrerseits Dialekte.
Ein unbefangener Amerikaner staunt nicht wenig, wenn er einen Deutschschweizer Englisch sprechen hört und wir auf 50 Kilometer genau sagen können, woher der Sprechende kommt. Sein "Accent" verrät die Herkunft. Aussergewöhnlich an der deutschschweizer Sprache ist eben, dass sie so viele Dialekte umfasst, aber kein akkreditiertes Amtsschweizerisch kennt.

Wir alle erkennen auch unschwer einen Touristen, der seinen Weckwunsch im italienischen Hotel so intoniert:
"Peah fawohrö sweliarö alle zettö".
Dürfen wir da jetzt auch lachen?
Walter Morath tat es; er hat die Begebenheit als Sketch persifliert.

Schweizerdeutsch ist "internationaler" als Hochdeutsch

Dank unserer mehrsprachigen Kultur besitzen wir Wörter, die unsere Sprache international besser verständlich machen als das künstlich reingehaltene Hochdeutsche.
Man sagt und schreibt in der Schweiz Helikopter und nicht Hubschrauber, Adresse anstatt Anschrift, Offerte statt Angebot.
Wir exportieren und importieren statt ein- und auszuführen, produzieren statt zu erzeugen, machen einen Brief nicht frei, sondern frankieren ihn und bezahlen ihn pro Gramm statt je Gramm.
Unser Wort Metabolismus klingt in den meisten Sprachen ãhnlich. Sollen wir jetzt das deutsche Verstoffwechselung einführen?
Wir lieben Dessert mehr als Nachspeise; hören Radio statt Rundfunk; verwenden Karton statt Pappe; warten vor einer Barriere statt einer Schranke. Wir sagen lieber Korrespondenz als Schriftwechsel, Literatur statt Schrifttum, gratis statt unentgeltlich, Spezialprodukt statt Sonderanfertigung und lokal statt örtlich.
Das alles wie immer ohne Garantie, nicht etwa "ohne Gewähr" (ausgesprochen wie eine Flinte).
Alle diese schweizerdeutschen Wörter sind mit ihren lateinischen Wurzeln international besser verständlich und unterliegen keinem "sprachlichen Reinhaltegesetz".

Leider geht die Entwicklung heute mehrheitlich in die andere Richtung.
So will man jetzt unseren welschen Miteidgenossen durch vermehrten Gebrauch der schriftdeutschen Umgangssprache die Mühe ersparen unsere "unbrauchbare" Mundart erlernen zu müssen.
Wieso eigentlich, wo doch ohnehin Französisch gesprochen wird wann immer Romands und Deutschschweizer zusammenkommen?

Zum Charme unserer Sprache gehören die vielen alten Lehnwörter aus dem Französischen. Auch "Fremd"wörter mit lateinischem oder griechischem Stamm haben in unserer schweizerischen Schriftsprache eine lange Tradition.
Wir sagten und schrieben Banquier lange bevor die Deutschen den englischen Begriff "Banker" übernahmen.
Eine Grenze wird bei uns mit die Limite bezeichnet - aus französisch la limite. Die Deutschen kamen viel später auf den englischen Begriff the limit und machten daraus das Deutsche "Das Limit".
Da wir uns aus rein kommerziellen Gründen anpassen sollen, geht diese Ausdrücke verloren. Damit wird unsere Sprache für Fremdsprachige keineswegs verständlicher.

Weitere, in höchstem Mass gefährdete Ausdrücke aus dem Französischen sind:

Ettikette (zu ersetzen durch "Aufkleber"), Couvert ("Umschlag"), Fauteuil, ("Sessel"), Effort ("Anstrengung"), Vélo ("Fahrrad") und Pneu, ("Reifen").

Demnächst in Ihrem Kindergarten


Unsere Behörden erwägen allen Ernstes, die Einführung der schriftdeutschen Sprache im Vorschulalter!
Als Begründung liest man, Hochdeutsch sei für die vielen Ausländerkinder besser als Umgangssprache geeignet und biete eine bessere Vorbereitung auf das Leben in unserem Land.
Einmal mehr sind es die Gastgeber, die sich den Gästen anpassen sollen.
Dass unsere Sprache (leider von Vielen als "Dialekt" verstanden) ein Kulturträger ersten Ranges ist, wird schlicht unterschlagen.
Gleichzeitig vergisst man offenbar, dass unsere Umgangssprache in ihrem Charakter eigentlich weltoffener ist als das Hochdeutsche.

Der unseligeÜberhang des Hochdeutschen in unserem Sprachgebrauch hat zur Verdrängung unzähliger Begriffe geführt, die einst Bestandteil unserer sprachlich offeneren Kultur waren.
Als die ersten Polymere aufkamen benützten wir noch das international verständliche Plastik, bis wir von den Deutschen das Wort "Kunststoff" übernehmen mussten.
Vor kurzem galt bei uns noch das Verb probiere. Heute verwenden fast alle das dem Deutschen angeglichene "versueche"; unser schweizerisches öpper wird zum "jemand". Dasselbe Schicksal ereilte unser aafange, es wurde zum "beginne", wobei in diesem Fall klar ist wer die Verdeutschung eingeführt hat: Das Schweizer Militär.
Händsche wurden inzwischen zu "Handschueh", Bauele zur "Baumwulle" um nur einige Beispiele zu nennen.
Das sind für jemanden, der seine Umgangssprache liebt und pflegt, entsetzliche Sprach-Bastarde.

Wer soll sich wem anpassen?

Einige Länder machen das Erlernen der Landessprache zur Bedingung für Aufnahme und Integration.

In der ehemaligen Sowjetrepublik Estland ist es einmal zu Aufständen gekommen, weil die zugewanderten russischen Soldaten die estnische Sprache nicht erlernen wollten.
Gegenwärtig sind viele Stellen für hochbezahlte Arbeitskräfte von deutschen Staatsbürgern besetzt.
Nur weinge erachten es als nötig oder auch nur entgegenkommend unsere Sprache zu erlernen.

Dass wir uns des Schweizerdeutschen schämen ist auch in Mundart-Radiosendungen zu spüren.
Soll darin eine fremdsprachige Aussage übersetzt werden, so wechselt man plötzlich auf Hochdeutsch. Mitten in einer schweizerdeutschen Sendung wird von einer Fremdsprache in eine andere übersetzt, anstatt von der Fremdsprache ins Schweizerdeutsche, Ein peinliches Kopfeinziehen, das regelmässig auftritt, wenn in einer Mundartsendung ein fremdsprachiger Kommentar vorkommt.
Gelegentlich wechseln wir bei der Konversation mitten in einem Satz auf Hochdeutsch, vielleicht um die Aussage zu betonen: "Er isch e fabelhafte Darsteller, e Könner im wahrsten Sinne des Wortes" , anstatt: Er isch e fabelhafte Darsteller, e Könner im wohrschte Sinn vom Wort. Dieser eingebaute Sprachwechsel ist besonders oft bei Politikern zu beobachten.

Immer, wenn wir ein Thema anschneiden, das uns besonders "seriös" scheint, so ersetzen wir Schlüsselwörter in Mundartgesprächen durch die deutschen Aequivalenten. Eine der besten schweizerischen Radiosendungen ist das Nachrichtenmagazin "Rendez-vous"(früher: Rendez-vous am Mittag).
Unsere besten Korrespondenten können darin in ihrem eigenen, kantonalen Dialekt berichten. Sie tun es mit Bravour und niemand behauptete jemals, er/sie könne sie nicht verstehen.

Kürzlich ging die Meldung durch die Medien, die verantwortlichen Programmleiter sollen beschlossen haben, im nächsten Jahr diese Sendung nur noch auf Hochdeutsch auszustrahlen.
Grossartige Reporter, wie Martin Alioth, Rolf Pelegrini, Alexander Gschwind und Gisela Widmer, sollen nun im akkreditierten, verkrampften Bühnen-Hochdeutsch berichten.
Ein gewaltiger Verlust für unsere heimische Kultur.
Einziger Grund: Die kommerzielle Kompatibiltät!


Schutz der eigenen Sprache oder des Hochdeutschen?

'S Schwyzerdütsch kunnt ys abhande!


Der Übergriff des Hochdeutschen auf unsere Sprache blickt auf eine lange Tradition zurück.
Als kaum Zehnjähriger besuchte ich in den Vierziger Jahren mit meinen Eltern den Basler Zolli. Wir standen vor den damals noch recht troslosen Käfigen der Raubkatzen, als ein Altersgenosse seine Mutter fragte: "Mami, wenn griegt dr Lööwee si Frässe?"

Handels-Schranke sollte eigentlich Handels-Barrière heissen in unserer Sprache.

Im Schweizerdeutschen gibt es kein "hervor". Das Wort heisst "füre". Also kann es auch kein "hervorhebe" und kein "hervorbringe" geben. Fürehebe und fürebringe wäre richtig, ist aber kaum je zu hören.
Als es in den Basler Trams noch Billet-Kontrolleure gab, versuchten diese den Stau an den Ausgängen zu vermeiden, indem sie ins Mikrophon riefen: "Nach Vorne uffschliesse, bitte!" So alt ist die Tradition der Verdeutschung.

Das Adjektiv "irgenwo" ist deutsch für "an einem beliebigen Ort".
In der schweizerdeutschen Sprache kennen wir das Wort "neume". Es wurde bis vor Kurzem immer anstelle des deutschen "irgendwo" verwendet.
Neulich verzichten unser Politiker und Radiosprecher auf den uns eigenen Begrifff und importieren das irgendwo irgendwie in unsere Sprache.

Hässlich wird die Verdeutschung der Mundart bei Sätzen wie: "Aber neugierig sin unseri Jungs immer gsy."
Die wertvolle Eigenschaft, etwas Neues zu lernen (Grundlage der Wissenschaft) ist im Deutschen eine Gier (!)
Die Wendung war einst viel sympathischer: "Aber gwundrig sin unseri Buebe immer gsy.".
Darin gelangt das Wesentliche, die Fähigkeit sich zu wundern, zum Ausdruck.

Auch "Heimweh" tönt weniger gut als unser unterdrücktes "Langi Zyt".

"Der Markt", sowohl als Gemüsemarkt als auch als Marktwirtschaft heisst meines Wissens in allen schweizerischen Dialekten "Märt". (Bärndütsch sogar "Märit")
Weil wir uns scheuen, so etwas Bedeutendes wie einen Teil der Wirtschaft in unser Sprache zu erwähnen, schufen wir das neuschweizerdeutsche Wort "Markt". Ein so entstandener Bastard-Satz lautet, z.B. "Dr Markt für Huushaltelektronik wird in de nägschte Johre wytter zuenäh."

Das Wort "Pferd" gibt es bei uns nicht; es heisst hier Ross und wird auch so gebraucht. So weit so gut.
Aber bei Zusammensetzungen sagen wir plötzlich "Pfärderenne", "Pfärdestall" und "Pfärdemischt".
Vor Rossrenne, Rossstall und Rossmischt schrecken wir zurück.
Wir haben uns daran gewöhnt, von den Deutschen unserer Sprache wegen belächelt zu werden und die Angleichung schreitet in rasantem Tempo voran.

Es gibt bei uns sogar eine Bewegung, die den Trend zur Eigensprache bremsen will.
Zum Schutz der Schriftsprache, wie es heisst.
Den Rest besorgt das deutsche Fernsehen und die deutschen Agenturmeldungen, die ohne Berücksichtigung schweizerischer Eigenheit von unseren Zeitungen übernommen werden.

Französisch und Englisch in den Medien

Beim gesprochenen Wort verlieren unsere Medienleute ihre Fähigkeit, Fremdwörter richtig auszusprechen.
Sie gingen in Deutschland zur Sprachschule, um sich möglichst nicht von ihren deutschen Kollegen abzuheben.

So werden Fremdwörter, die wir in unserer eigenen Sprache richtig aussprechen, plötzlich falsch betont:
Sämtliche zweisilbigen französischen Ausdrücke sind auf der ersten Silbe zu betonen.
Also geht der "Monseur" ins Bureau und nicht der Mösiö ins "Büro".

Lange Zeit wurden wir von unseren nördlichen Nachbarn unserer Spache wegen belächelt.
Ich finde es an der Zeit, den Spiess umzukehren.
Dazu gibt es heute, im Zeitalter der "Amerikanisierung" des Deutschen , genügend Anlass.

Die Aussprache der Deutschen kennt den Vokal "ä" nicht, das Schweizerische wohl. "Ä", wie in Ärde, Ämmital oder Änglisch.
Daher kommt der Pferdefuss der deutschen Amerikamanie: dieser Laut ist der zweithäuffigste im Englischen Alphabet.
Wer ihn nicht aussprechen kann, wie 85 % der Deutschen, liesse die Verwendung englischer Fremdwörter besser bleiben.
Sonst wird aus Dallas "Delles", aus Miami "Meiehmi", aus Canada "Kenneda", aus Los Angeles "Los Ehntscheles" und aus der schönen Natalie wird eine stachelige "Nettelie".
Man (Einz.) und men (Mehrz.) sind nicht mehr zu unterscheiden, weil beide wie "men" ausgesprochen werden.
Rats werden zu "Rets", acid mutiert zu "ehsit", food additives zu "Food Edditifs".
Und wenn in einem der vielen in Berlin verdeutschten Filmen jemand teutonisch nach "Ellis" oder "Casey" ruft (so wenigstens tönt das unbeholfene Dubbing), so sind das keine Familiennamen, sondern die Vornamen Alice und Cathy!

Mit unübersehbarer Gewalt bricht das Deutschtum auf diesen Wegen über unsere Sprache herein. Die Begründung liegt allein im wirtschaftlichen Missverhältnis von 20 : 1.

Schlussfolgerung

Wie bei anderen kulturellen Konflikten ist es die Minderheit, die des Schutzes bedarf. Nicht die deutsche Sprache muss geschützt werden; die Gefahr droht unserer sogenannten Mundart.
Wenn wir weiterhin den kommerziellen dem kulturellen Aspekt vorziehen, so steht dem Verschwinden unserer Eigenheit, auf die wir stolz sein können, nichts mehr im Wege.
Die Wirtschaft will Einheitlichkeit, nicht Individualismus.


Erstellt am 10. Dezember 2006. - fv

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