Kuriositäten der sprachlichen EntwicklungNr. 6 in einer Serie über grosse und kleine Gegenwartsprobleme1. Teil |
Ist unsere schweizerische "Mundart" wirklich nur ein Dialekt des Hochdeutschen? Sogleich stellen sich zwei weitere Fragen :
Zwischen Schweizerdeutsch und Schriftdeutsch liegt ein weit grösserer Unterschied als beispielsweise zwischen Norwegisch und Dänisch. Beide Länder waren vor 400 Jahren ein gemeinsames Königreich mit gemeinsamer Sprache. Inzwischen hat sich das Norwegische nur wenig vom Dänischen weg entwickelt. Trotzdem würde es keinem Norweger einfallen Norwegisch als Dialekt des Dänischen zu bezeichnen. Wo liegt da der Unterschied zur Entwicklung der schweizerdeutschen Sprache? Wohl darin, dass wir uns in der Vergangenheit zu lange sprachlich mit dem grossen Nachbarn im Norden verglichen und uns dabei als minder befunden haben. Wenn ich einem staunenden Amerikaner erkläre, dass bei uns v i e r Sprachen gesprochen werden, so erlaube ich mir unsere alemannische Sprache als "Swiss" zu bezeichnen. Die Besonderheiten der Rätoromanischen Sprachen, sowie die Aehnlichkeit des Welschen Französisch mit dem Französisch Frankreichs und des Tessiner Italienischen mit demjenigen Italiens (die beiden letzteren leider mit aussterbenden "Dialekten") heben sich deutlich vom Schwyzerdütsch ab. Es ist eine eigenständige Sprache, die unsere Kultur prägt.
Der unbefangene Amerikaner staunt nicht minder, wenn er einen Deutschschweizer Englisch sprechen hört und ich ihm auf 50 Kilometer genau sagen kann, woher der Sprecher kommt. Sein "Accent" verrät das, was man etwa auch an einem Touristen erkennt, wenn er seinen Weckwunsch im italienischen Hotel so intoniert : "Peah fawohrö sweliarö alle zettö". Das aussergewöhnliche an der Schweizer Sprache ist eben, dass sie so viele Dialekte hat und kein akkreditiertes Amtsschweizerisch kennt. Dabei wäre es relativ einfach einen Dialekt, beispielsweise das Bernerische, als Schweizer Sprache zu designieren und auch (phonetisch) zu schreiben. Leider geht die Entwicklung heute mehrheitlich in die andere Richtung. So will man neuerdings unseren welschen Miteidgenossen durch vermehrten Gebrauch der schriftdeutschen Umgangssprache die Mühe ersparen unsere "unbrauchbare" Mundart erlernen zu müssen. Wieso eigentlich, wo doch ohnehin Französisch gesprochen wird wenn immer Romands und Deutschschweizer zusammenkommen?
Zum Verstandnis einer Kultur gehören Kenntnisse ihrer Sprache. Wann wird ein Ausländer zum Schweizer? Wenn er das Stimmrecht erhält? Oder wenn er eingebürgert wird? Für mich ist es ganz einfach dann, wenn er unsere Sprache spricht, also Französisch, wenn er im Welschland wohnt, Italienisch, wenn er im Tessin zuhause ist und "Dütschschwyzerisch", nicht Hochdeutsch, wenn er sich in der alemannischen Schweiz niedergelassen hat. In der ehemaligen Sowjetrepublik Estland ist es einmal zu Aufständen gekommen, weil die zugewanderten russischen Soldaten die estnische Sprache nicht lernen wollten. Es gibt bei uns sogar eine Bewegung, die den Trend zur Eigensprachigkeit bremsen will. Zum Schutz der Schriftsprache, wie es heisst. Den Rest besorgt das Deutsche Fernsehen und die deutschen Agenturmeldungen, die ohne Berücksichtigung schweizerischer Eigenheit von unseren Zeitungen übernommen werden. Mit unübersehbarer Gewalt bricht das Deutschtum auf diesen Wegen über unsere Sprache herein. Einige Beispiele zur Illustration: Im Schweizerischen heisst es : "Mi Buech richtet sich an alli, wo sone Reis wänn mache" und nicht "... an alli, die sone Reis wänn mache". Im Schweizerischen gehört zum Namen der Artikel (Ausnahme : Bernerisch): "Am Mikrophon, dr Philip Flury", heisst es richtig. "Am Mikrophon, Philip Flury" ist Deutsch. Richtig wäre "Neu, vo dr Maggi", man hört aber nur das verdeutschte "Neu, vo Maggi". Oft erscheint am Radio das sprachliche Monster "Deutsch Freiburg". Für mich ist Deutsch Freiburg im Breisgau, BRD! Die damit eigentlich gemeinte Sprachgruppe ist in Fribourg, wie man bei uns zur Unterscheidung von Freiburg sagt.
Unsere Mehrsprachigkeit bringt den Vorteil, dass sich der Schweizer gut in Fremdsprachen auskennt, besser jedenfalls als der durchschnittliche Bundesrepublikaner. Trotzdem übernehmen unsere Radio- und TV - Sprecher offensichtliche Fehler von ihren deutschen Kollegen. Dadurch, dass fünfzig Millionen ein Fremdwort falsch aussprechen wird es noch nicht richtig. Wir Eidgenossen sollten uns hüten von den Deutschen falsch ausgesprochene Fremdwörter und Wort-Neubildungen zu übernehmen nur weil wir uns leider immer noch des Hochdeutschen bedienen müssen.
Die deutsche Sprache kennt, im Gegensatz zur schweizerischen, den Laut "ä" (wie in Ämmital, Ändspurt, Änglisch) nicht. Darum hat der Deutsche offensichtlich Schwierigkeiten mit der englischen Aussprache, wo es diesen Laut wohl gibt. Und während er uns wegen unserem "ä" auslacht, gelingt es ihm nicht, Englisch korrekt auszusprechen. Los Angeles wird zu Los Ehndscheles, was ihm einige unserer Sprecher, im Bestreben korrektes Bühnendeutsch zu sprechen, prompt nachmachen. Im ZDF brüllt eine in Berlin nachsynchronisierte deutsche Stimme nach "Casey". Man hat Glück wenn man vor Filmende herausgefunden hat, dass die Dame Cathy heisst. Die schöne Natalie wird im ARD zur Nettelie malträtiert, reist von Delles nach Mai-Ehmi und trifft dort mit Ellis (Alice) zusammen.
Mexiko, Chikago und Kanada schreibt m a n mit k.
Locarno mit c. Wer hat eigentlich diesen
m a n kreiert? Ein bekneiferter Bürokrat arischer
Prägung der beim "Duden" arbeitet? Ein um 50 Jahre
zurückgebliebener Nationalist, dem nach seinem grossen
Vorbild Fremdwörter ein Greuel sind? Ein kleinkarierter
Verfechter der Reinhaltung der deutschen Sprache, der glaubt
"Mexiko" wäre besser verständlich als
"Mexico"? Warum hat m a n eigentlich nicht
konsequenterweise verfügt, dass m a n Lokarno und
Sankt Franzisko schreibt?
Kann mich jemand endlich aufklären, wieso die Deutschen glauben jedes mehrsilbige französische Wort auf der letzten Silbe betonen zu müssen? Bei ihnen geht Monsieur Dupont ins Bureau und Michel lässt sich von Michelle nicht mehr unterscheiden. Wenn jetzt auch Schweizer Sprecher in ihrer eigenen Sprache, dem sog. Dialekt, statt Jury "Jury" betonen, so ist das nur ein weiteres Beispiel für den schlechten Einfluss der deutschen auf die schweizerische Sprache.
Den Deutschen sind einige uns geläufige internationale
Wörter darum so fremd, weil sie erst über die
Englisch-Welle mit ihnen Bekanntschaft geschlossen haben.
Ausdrücke, die vor Jahrzehnten aus dem Französischen zu uns kamen, haben sie erst kürzlich aus dem Englischen
übernommen und sprechen sie auch so aus. Bei uns fängt man jetzt plötzlich an die Deutschen auch hier nachzuahmen.
Dann heisst es nicht mehr Service, sondern
"Söhwis". Man reicht keinen Rapport mehr ein,
sondern einen "Riport". Auch das Limit haben sie aus
dem Englischen, während uns der französische Stamm als die Limite schon viel länger geläufig war. Der
Ettikette bleibt neben dem Ettikett keine Schangs (Chance).
Seit Jahren kennen wir in der Schweiz, wiederum aus dem Französischen, den Bankier. Die Übermacht der deutschen Kultur hat uns den englischen Banker als Ersatz angeboten. Der Bankier ist verschwunden.
Die Photo, bei uns eine Verkürzung von "die
Photographie", wird in Deutschland zu "das Foto"
versachlicht.
Wenn wir uns schon in den Medien und im Parlament einer fremden Sprache bedienen müssen, so plädiere ich für ein Deutsch schweizerischer Färbung. Es ist ehrlicher und weltoffener und wir brauchen uns seiner nicht zu schämen. Wieso soll ein Schweizer Sprecher sagen "Die Würtschaft der Vürzischer Jahrö setzte auf's richtische Ferd"?
Noch heute, mehr als 45 Jahre nach Hitler, bemüht man sich um die "Reinhaltung der deutschen Sprache" durch verkrampftes Verdrängen international gebräuchlicher Ausdrücke. Solange diese Entgleisungen wie Hubschrauber, Fernsprecher, Anschrift, Krankenhaus, Lichtbild etc. jenseits der Grenze bleiben, kann man bestenfalls mitleidig über diese Form von Nationalismus lächeln. Wird sie aber von uns übernommen, so verlieren wir einen Teil unserer Weltoffenheit. Telegraph sagt man in fast allen Sprachen; Fernschreiber nur im Deutschen. Literatur ist international; Schrifttum ist nicht besser, nur arischer. Warum Einfuhr und Ausfuhr, wenn es doch überall als Import und Export verstanden wird? Vom Hundert ist nicht schöner als Prozent. Korrespondenz wird fast weltweit verstanden, nicht so Schriftwechsel. Wieso soll man Schonkost sagen, statt Diät; Kunst-Stoff statt Plastic; Speisenfolge statt Menu; Spaltpilze statt Bakterien; Flugzeugführer statt Pilot; ortsständig statt lokal; Kerbtier statt Insekt. Die Liste ist schier endlos.
(Siehe auch Wörterbuch zur Reinhaltung der Deutschen Sprache)
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