Kuriositäten der sprachlichen EntwicklungNr. 6 in einer Serie über grosse und kleine Gegenwartsprobleme2. Teil |
Wir haben in der Schweiz einige sinnvolle sprachliche
Neuerungen gegenüber Nachbarlandern eingeführt an denen
nicht gerüttelt werden sollte. So hat z.B. das Westschweizer
Französisch (wie übrigens auch das Französisch der
Belgier) mit der altmodischen Zwanziger-Methode des Zählens
gebrochen.
Die Zahl 77 ist nicht sechzig plus siebzehn, sondern
septante-sept. 96 ist nicht 4 mal 20 und 16, sondern
nonnante-six.
Im deutschen Schriftsatz gibt es immer noch das merkwürdige
"scharfe Doppel - S" (ß). Es sieht aus wie der
zweite Buchstabe des griechischen Alphabets und dient wohl
ausschliesslich der Verwirrung fremdsprachiger Leser. Warum nicht
auch ein Schriftzeichen für zwei m, zwei t oder zwei n? Es
ware sinnvoller für den Dreibuchstaben-Laut "sch"
einen eigenen Buchstaben einzuführen. "Muss"
schreiben die Deutschen mit ß und "blass" mit ss.
Angeblich soll das die Länge des vorherghenden Vokals
beeinflussen. Besonders ulkig wird es bei Fremdwörtern,
für die noch kein germanisches Aequivalent gefunden worden
ist, wie Boß und Streß. In Übersetzungen aus dem
Deutschen findet man als Folge dieser Beta-Manie oft
"B" statt "ss" : wie z.B. StraBe. Eine total
zwecklose Verunsicherung an der die Dudenmacher offenbar
verbissen (verbißen?) festhalten. Mein Kompliment an
diejenigen unter uns, denen wir das Abschneiden dieses
hässlichen Zopfes verdanken.
Von drüben kommt auch die fehlerhafte Anwendung lateinischer Wörter. "In punkto" ist ein Pleonasmus, ebenso wie "neu renoviert", denn in der Endung -o steckt das "in" und im -nov- das neu. Lieber kein Latein als falsches Latein.
Seltsame Blüten treibt unsere Sprache neuerdings auch auf
eigenem Boden, besonders wenn sie von Marketing-Textern
gedüngt werden.
Irgendwie gelang es den Reklame-, pardon: Werbefachleuten das
Wort "billig" von seiner ursprünglichen Bedeutung
zu lösen und zu "qualitativ minderwertig"
umzufunktionieren. An seine Stelle trat "günstig",
das nun als Folge allerdings von jedermann falsch angewendet
wird. Günstig ist das Verhältnis von Qualitat zu Preis.
Also kann man nicht von einem günstigen Preis sprechen. 16
Jahre alte Mädchen gibt es kaum mehr. Sie sind jetzt 16
Jahre "jung". Wenn Sie eine neue Camera aussuchen, so
steht im Prospekt sie sei 540 Gramm "leicht". Neben den
Reklametext-Büros sind die Amtsstuben die übelsten
Brutherde sprachlicher Verderbnis.
Männiglich plappert es den Bürokraten nach, was da so
an Stumpfsinn herausgelassen wird. Schönstes Beispiel :
"Ich persönlich". In der Regel verwendet man
"persönlich" bei hochgestellten
Persönlichkeiten : Der Präsident kümmerte sich
persönlich um die Obdachlosen der Region. Wenn einer also
sagt "Ich persönlich bin der Meinung, dass..... ",
will er damit seine Wichtigkeit unterstreichen? Warum nicht
"Ich meine, dass....? Vielleicht gewährt uns der
Sprechende mit seiner Phrasierung unbewusst Einblick in seine
charakterliche Landschaft.
Die geschwollene Sprache von Beamten und Politikern macht sich
leider auch in der Umgangssprache breit. Irgendwie unterstreicht
man doch die Wichtigkeit seiner Aussage, wenn man statt "Ich
heiss' Ruedi Buser und wohn in Lieschtel" sagt : "Mi
Name isch Ruedolf Buser und ich bi wohnhaft in Lieschtal".
Die Wörter "haben" und "sein" gelten bei
den bürokratischen Sprachschöpfern als zu simpel.
"Die linksufrige Kantonsstrasse hat drei Fahrbahnen"
wäre ihnen ein Graus. "... weist drei Fahrbahnen auf"
scheint ihnen viel besser zu klingen. Für die Wichtigkeit
ihrer Belange scheint z.B. "kompliziertes Problem"
ungenügend und wird darum in einen "komplexen
Problemkreis" umgetauft.
Zum Kuriosesten gehören wohl die ursprünglich als
Scherz gedachten neugebildeten Vergangenheitsformen von Verben
(arisch: Tun-Wörter). Herr und Frau Schweizer bedienen sich
heute dieser Neuschöpfungen in der Annahme es heisse
wirklich so. Eine urkomische Situation an sich, die ihre Existenz
der bereits erwähnten Unterdrückung unserer Sprache im
geschriebenen Bereich verdankt. Ein paar Beispiele: Gegenwart :
"Überzüüge". Vergangenheit:
"Überzügt".
Der ursprüngliche Gag bestand in der Bildung der
Vergangenheitsform "überzoge", was an ein
aufziehbares Spielzeug erinnern soll.
Jetzt sind wir so weit, dass fast niemand mehr weiss, wie die
Vergangenheit von "überzüge" eigentlich
heisst.
Ähnlich erging es dem "tüscht"
(I ha mi tosche) oder dem "g'mäldet" (Er het sich
g'molde).
Eine Besonderheit sprachlicher Neuentwicklung ist die
vorsichtige Abschwächung aus Ungewissheit, die oft in
logischer Entgleisung endet: " 'S Wichtigschti isch mit
au ..... ".
Die Umkehrung dieses Prozesses ist die Steigerung des
Superlativs: " am idealsten wäre .... " , "
als optimalere Lösung bietet sich an... " oder "
Die maximalste Ausnützung des Arbeitsplatzes...".