Kuriositäten der sprachlichen EntwicklungNr. 6 in einer Serie über grosse und kleine Gegenwartsprobleme3. Teil |
Szenario: Irgend jemand "erfindet" eine neue Wendung, einige weitere finden sie gut, sorgen für ihre Verbreitung und der Rest benützt sie unbesehen. So z.B. "vor Ort" (Nachrichten); "yneloose" (Plattenläden), oder "aaschpräche" (Diskussionsrunden). Wie lange wohl können sich solche eher schwachen Wortschöpfungen halten?
Können Sie sich vorstellen, dass es heute noch Leute
gibt, die von Ihnen ein Lächeln erwarten wenn sie beim
Parkieren "Wenn's dätscht, no-n-e Meter" zum
besten geben? Oder solche, die glauben, Sie finden
"Züridütsch isch kei Schprooch, sondern e
Halskranket" noch lustig? Was sagen Sie, wenn Ihnen jemand
zumutet "Links isch wo dr Duume rächts isch" noch
nie gehört zu haben? Die weitere Verwendung derart
abgedroschener Sprüche ist eine Phantasielosigkeit
sondergleichen.
Mir vergeht der Appetit, wenn jede Reklame für Lebensmittel,
jedes Kochrezept mit "En Guete" aufhört.
Manchmal werden ganze Gedankenbrocken zu nachäffbarer Mode.
Achten Sie doch einmal darauf, wie oft zu einer
Gegenüberstellung der kategorische Schluss geäussert
wird " Das kann man doch nicht vergleichen". Meistens
ist dieser Satz das Eingeständnis, dass der Sprecher nicht
mehr weiter weiss oder dazu zu bequem ist. Die Rede sei vom
Flugverkehr in Amerika und in Europa : "Das kann man doch
nicht miteinander vergleichen", meint einer.
Blödsinn! Der amerikanische ist aus "Hubs and
Spokes" aufgebaut, der europäische aus nationalen
Zentren. Der amerikanische befördert rund die zehnfache
Menge Personen und wurde 15 Jahre vor dem europäischen
Luftverkehr dereguliert. Lauter Vergleiche! "Orangen und
Aepfel" sind geradezu der Inbegriff von Etwas, das man nicht
miteinander vergleichen können soll. Und ob man kann:
Orangen sind subtropisch, saftig, mit dicker Schale und etwa
gleich gross, wie Äpfel, die aus der gemässigten Zone
stammen, ein faserhaltiges Fruchtfleisch haben und mit einer
dünnen Schale versehen sind.
Mit der höheren Mobilität ihrer Bewohner erhält die Schweiz allmählich eine Einheissprache. Während man sich während der Fasnacht in Basel redlich um ein gepflegtes Baseldytsch bemüht ("Die drei scheenschte Dääg"), sagen dort während des Rests des Jahres 95% der Neuen Einheimischen z.B. anstatt "E glains Dässli" hemmungslos "E chlys Tassli". Das deutet eindeutig auf die Stärke des Züritütsch in der nordwestlichen Ecke des Landes hin.
Ursprüngliche Wortbedeutungen können in Vergessenheit geraten. Wer weiss heute noch mit welchen apokalyptischen Schrecken damals, 1956 der Name des Atolls Bikini im Südpazifik verbunden war? Genau zu jener Zeit aber, wurde das Mini-Badkleid erfunden, das die meisten Menschen sehen, wenn das Wort Bikini fällt. Sport bedeutet nach klassisch-griechischer Definition körperliche Ertüchtigung. Wie bei anderen, längst übernommenen Begriffen, z.B. Tunnel, Film oder Block, wissen wir kaum mehr, dass Sport ein englisches Wort ist. In Ermangelung einer neuen Bezeichnung wird der arme Sport für neue Beschäftigungen verwendet, die mit körperlicher Ertüchtigung überhaupt nichts zu tun haben. So zum Beispiel beim Auto-Rennsport. Oder gar in Ausdrücken wie Sportflugzeug. Modernes Fliegen ist mit Sport etwa so verwandt wie Schachspielen mit Sackgumpen. Noch sinnloser sind Wortschöpfungen wie "Denksport". An solchen Fehlgeburten sieht man, wie einst genau definierte Begriffe ihren Sinn ändern, weil es nicht gelungen ist für etwas Neues auch den passenden neuen Begriff zu finden oder zu erschaffen.
Gewisse Worte unserer Sprache erhalten zusätzlich zu ihrer
ursprünglichen Bedeutung plötzlich ein Aroma von
Qualifikation.
Oft ist gar nicht einzusehen, woher die Verwendung als
abschätzige oder lobende Bezeichnung kommt.
"Professionell" heisst neuerdings eine Tätigkeit
gut ausüben. Ein Amateur hingegen ist einer, der
stümperhaft arbeitet. Warum eigentlich? Mancher Amateur
erreicht dank seiner Motivation und mit einfacheren Geräten
ebensoviel wie ein im starren Organigramm eines Grossunternehmens
gefangener Profi. Kann ich da den nicht-professionellen
Astronomen, der eine neue Galaxie entdeckt hat, noch Amateur
nennen? Gewiss ist er kein Stümper.
Beachtenswert ist auch wie es Marketingtexter vor Jahren fertigbrachten den Begriff "billig" als synonym zu "von niedriger Qualität" zu brandmarken und ihn gleichzeitig mit "günstig" zu ersetzen. Das führte dazu, dass sich heute kein Konsument (pardon: Verbraucher) mehr getraut einen Artikel als billig zu bezeichnen. Das wiederum brachte den sprachlichen Unsinn von "günstigen Preisen" mit sich. Günstig bezeichnet das Verhältnis von Qualität zu Preis. Also kann ein Preis nicht günstig sein.
Manchmal kreieren Journalisten neue Wörter unter Verwendung englischer Bezeichnungen ohne zu wissen was diese genau bedeuten. "Jet" für Düsenflugzeug ist die Abkürzung für turbojet powered aircraft. Wenn der Zeitungsmensch nicht weiss was das Wort bedeutet, so kommt es zu so lächerlichen Kombinationen wie "Düsenjet", was soviel wie Düsendüse oder Düsenstrahl heisst!
Eigennamen und Substantive fangen zur Zeit noch mit grossen Buchstaben an. Schreibt man aber den ganzen Namen mit grossen Buchstaben, so gibt es keinen grossen grossen Buchstaben für den Anfang. Was also sollen Gebilde wie JNDIEN, JNSTITUT oder JTIN, die oft zu lesen sind?
Gegen die Einbürgerung falscher Aussprache von
Fremdwörtern scheint auch in der polyglotten
Deutschschweiz kein Kraut gewachsen zu sein. Besonders beliebt
ist im Sommer " Glacé ". Im Winter eher "'
Hockei " (statt Hocki). Oder man geht ins Kino und sieht
sich den neuen Film von "Diesnei" an (statt Disni). Im
Anschluss bestellt man dann im Restaurant als Krönung des
Abends ein " Stiik " (statt Stehk). Unsere Radio- und
TV-Sprecher geben sich redlich Mühe fremdsprachige Namen
korrekt auszusprechen. Während es mit den englischen
eigentlich ganz gut geht, hat man mit den spanischen schon mehr
Schwierigkeiten. Einige haben sogar gelernt, wie man im
Spanischen das "c" vor einem hohen Vokal ausspricht, so
ähnlich nämlich, wie das englische "th"
gelispelt (Im Dictionaire phonetisch als ¶ bezeichnet). Das
ist zwar richtig im spanischen Spanisch, also wie in
"Valienthia". Im ganzen spanischsprachigen
Lateinamerika aber, wird "c" wie "s"
ausgesprochen. Dort gibt es kein ¶, darum bitte nicht
"Asunthión", sondern
"Asunsión", wenn es um Asunción, die Hauptstadt Paraguays
geht.
Am meisten Probleme haben deutschsprachige Sprecher mit der
Bildung von Adjektiven aus süd- und mittelamerikanischen
Ländernamen. Für Panama verwenden sie panamaisch oder
gar panamesisch. Richtig ist panamenisch , denn es kommt von
"panameño". Das aus Guatemala gebildete Adjektiv
heisst guatemaltekisch; aus Honduras wird hondurenisch und
für Nicaragua gilt nicaraguanisch. Und übrigens, so
merkwürdig das klingen mag, die Einwohner von Costa Rica
nennen sich "Tico" und diejenigen von Rio de Janeiro
"Carioca".