Merkwürdige Erfindungen der Radio- und TV-Sprecher,
Politiker und Werbetexter



Links zu Kapiteln auf dieser Seite
Hyper-Superlative
Seltsame Entwicklungen der Marketingstrategen
Beschönigungen und politische Korrektheit
Zivilcourage in den Medien?
Die Arroganz der drei Buchstaben


Hyper-Superlative

"Dieses Problem ist für die Verarmung der Bevölkerung zentraler als ....."
Wie kann etwas mehr als in der Mitte sein?

"Idealer wäre die direkte Bearbeitung der Frage durch das Parlament".
Ideal ist absolut. Es gibt keine Steigerung dazu.

Ebenso wenig kann der Begriff "optimal" gesteigert werden.
Wenn etwas optimal ist, so kann es nicht mehr besser werden.
Trotzdem hört man immer wieder Sätze wie
"Ich könnte mir eine optimalere Lösung für diese Angelegenheit vorstellen", sogar von Politikern.

Was will jemand ausdrücken, wenn er/sie Sätze konstruiert wie:
"Die verschiedensten Elemente tragen dazu bei ..."
"Die neutralste Einstellung wäre die..." Oder:
"Die maximalsten Chancen hätten wir, wenn..." ?

Was geht in einem Politikerhirn vor, wenn sein Besitzer sagt: "Ich persönlich habe an der Diskussion nicht teilgenommen."?
Was ist der Unterschied zu "Ich habe an der Diskussion nicht teilgenommen"oder vielleicht "Ich habe an der Diskussion nicht selber teilgenommen."?
Ich kann mir als Hintergrund nur Eines vorstellen; es ist nicht sehr schmeichelhaft für den Sprecher: Er oder sie will seine/ihre Persönlichkeit hervorheben.
Ich persönlich werde seinen/ihren Namen bestimmt nicht mehr auf den Wahlzettel schreiben.

Seltsame Entwickungen der Marketing-Strategen

Das Gegenteil von teuer ist billig, nicht wahr?
Das war einmal.
Nachdem das Adjektiv billig im Volksmund die Bedeutung von "minderwertig"erlangt hatte, schafften es die Verkaufsgenies kurzerhand ab.
Sie ersetzten es aber durch ein neues Adjektiv, das ein Verhältnis zweier Eigenschaften darstellt: "günstig".
Günstig ist das Verhältnis von Leistung zu Preis, also eine Division. Je höer die Leistung oder je tiefer der Preis, desto günstiger ist ein Produkt. Aus diesem Grund kann es keinen "günstigen Preis" geben, obwohl man diese Formulierung immer wieder hört und liest..
"Billig" ist gar keine Qualitäts-Bezeichnung, sondern ganz einfach das Gegenteil von "teuer".
In einer Zeit von überbordender Sparwut und Schnäppchen-Hysterie, ist es kaum verständlich, wie sich dieser Begriffswandel noch rechtfertigen lässt.
Da ich an sprachlichen Entwicklungen Interessiert bin, überrascht mich immer wieder, wie endgültig es den kommerziellen Sprachschöpfern (oder: Sprachverdrehern) gelungen ist, die Bedeutung von billig so nachhaltig auf "minderwertig"umzumünzen.

Marketing-Texter schreiben von ihrem angepriesenen Gerät es sei 750 Gramm leicht
Radiosprecher sagen, ein Sportler sei 18 Jahre jung.
Vielleicht wollen sie damit eine Betonung ausdrücken.
Die richtige Form der Adjektive lautet schwer und alt.
Beide sind nur qualitative Bezeichnungen ohne quantitative Funktion.

Unerklärlich erscheint auch, wieso man ein Billet "lösen" ein Brot aber kaufen soll.

Die "Gewinnwarnung" ist ein Service der Banquiers und Industrie-Financiers.
Es wird wohl nie zutage treten, welches schlitzohrige Börsengenie diesen Stumpfsinn verbrochen hat. Sicher ist jedoch, dass das verfehlte Wort fest in unsere Sprache aufgenommen wurde.
Da hier nicht vor einem Gewinn gewarnt wird, muss das Ding ganz klar "Verlustwarnung" heissen. Eine Sturmwarnung wird schliesslich auch nicht als "Flautenwarnung" publiziert

Beschönigungen und politische Korrektheit

Warum sagen und schreiben wir: "ausgestorben" statt ausgerottet?
Warum sagt man Wale "fangen" statt Wale töten?
Warum heisst es Garnelen "ernten", wenn sie dabei getötet werden?
Um unsere Verwickung in ein Fehlverhalten herunterspielen.

Bei unseren Haustieren aber, sprechen wir plötzlich von "einschläfern" anstattöten. Wir fühlen uns dann irgendwie besser. Aber wir töten, auch wenn es aus Mitleid geschieht.
Andere sprachlich beschönigte Tötungen sind das "Erlegen", wenn der Anlass zur Tötung eines Tieres die Jagd ist. Das sog. Jägerlatein beinhaltet übrigens ein ganzes Vocabularium solcher Beschönigugen, z.B. "Schweiss" anstatt Blut.

Zivilcourage in den Medien?

Was ist der Unterschied zwischen "Präsident" und "Diktator"?
In vielen Fällen besteht kein sachlicher, bestenfalls ein zeitlicher Unterschied.
Beides sind Titel, die in den Medien für ein und dieselbe Person verwendetwerden, je nachdem ob er noch in Amt und Würden oder schon gestürzt ist.
Vor dem 25. Februar 1986: Präsident Marcos,
Nach dem 25. Februar 1986: Diktator Marcos.

Beschönigende Ausdrücke für unsere Eingriffe in die Natur sind:
Fluss-Korrektur oder -Begradigung und Wald-Pflege.

Unser Missfallen an der natürlichen Vielfalt geben wir zu erkennen mit Ausdrücken wie Unkraut oder Ungeziefer. (Was zu Teufel ist ein "Geziefer"?)

Ein Wort wie Bevölkerungsreichtum, datiert aus längst vergangenen Zeiten. Ist ein bevölkerungsreiches Land wirklich ein reiches Land, oder ist es eher mit Armut in Verbindung zu bringen?

"Entwickungen" entwickeln ausschliesslich das Einkommen der Bauindustrie. Jede Entwickung, ebenso jede Erschliessung, hat gleichzeitig ein Zurückdrängen der Natur zur Folge.
Könnten wir solchen Begriffen zuleibe rücken, so wäre unsere Umwelt - weigstens semantisch - besser geschützt.

Ein Paradebeispiel für die Angst der Medienleute vor juristischen Verfahren ist die Einschränkung einer Aussage durch das Einfügen von "mit".
Zum Beispiel: "Die Tötung des Obdachlosen durch einen Jugendlichen ist von einem Computerspiel ausgelöst worden."
Um einen Liability-Prozess Amerikanischer Industry-Lawyers zu vermeiden, schwächen sie die Aussage ab zu:
"Die Tötung des Obdachlosen durch einen Jugendlichen ist von einem Computerspiel mit ausgelöst worden."
Das ist dann "safe", da ja noch andere Ursachen für den Mord möglich wären.

Ein weiteres Beispiel, wie sich die sprachliche Entwicklung den temporären Präferenzen anpasst, sind die populären Ausdrücke für menschliche Rassen.
Die unsägliche politische Korrektheit treibt da seltsame Blüten.
Als Sklaven nach Nordamerika verschleppte Afrikaner wurden zuerst despektierlich "Nigger" genannt, dann "Neger", später "Schwarze" und heute sind wir bei "Afro-Amerikaner" angelangt
Zigeuner, Neger, Eskimo sind eigentlich keine abschätzigen Begriffe.
Unsere dynamische Denkweise hat sie dazu umfunktioniert. Immer wieder finden sich Menschen, die im momentan geltenden Begriff eine herabwürdigende Auffassung von diesen Völkern sehen.

Die Arroganz der drei Buchstaben


Es ist geradezu grotesk wieviele Abkürzungen mit drei Buchstaben einem heute zugemutet werden. Wer kann schon die Bedeutung von MGI (=Mean Gross Income) wissen?
Abkürzungen werden von Public Relationss Leuten geschaffen, um Platz zu sparen.
Dabei entgeht ihnen offebar, dass eine Kombination von drei oder gar mehr Buchstaben schwieriger ins Gedächtnis aufgenommen wird als ein einprägsamer Phantasiebegriff.
Da lob' ich mir Fimennamen wie "Novartis" oder "Clariant".

Wenn Medienleute glauben, einer der drei Buchstaben sei besonders wichtig, so wird er in Gänze ausgesprochen und in der Abkürzung gleich nochmals erwähnt.
Richtig erfassen sie zwar "Das HI-Virus",
falsch aber "Die Britische BBC".
Analog müsste das heissen: "die britische BC".

01. Jan. 2007
Felix Voirol


Back to Languages