Religion der GegenwartNr. 4 in einer Serie über abendländische Tabusvon Felix Voirol | ![]() |
Die Angst vor dem Tod und die Frage nach dem DANACH hat seit grauer Urzeit der Menschheit eine Vielzahl von Mythologien und Religionen beschert. Der Glaube an eine höhere Stufe des Seins ist zwingende Folge der Erkenntnis des Individuums, eine körperlich-biologische und geistig-seelische Einheit zu sein.
Wohl kaum ein kritischer Mensch wird heute daran zweifeln, dass alle Religionen von seinesgleichen erdacht worden sind. Erstaunlich ist nur, dass sich jede dieser Lehren für die einzig richtige hält (Ringparabel in Lessing's "Nathan der Weise").
Die Aussage einer jeden Religion passt nahtlos in das Bild der Zeit, in der sie entstanden ist, ebenso wie z.B. die geozentrische Weltauffassung ins Mittelalter passt.
Unsere christliche Religion passt aber nicht mehr ins heutige Weltbild, ich wage sogar zu behaupten, die Bibel als Lehr- und Grundlagenbuch sei für unser Suchen nach Gott längst von neueren Werken abgelöst worden, die der Wahrheit mit Sicherheit näher kommen.
Abgesehen von den bekannten Widersprüchen muss ich eingestehen, grundsätzliche Aussagen der Bibel nie richtig verstanden zu haben. Da ist einmal das Alte Testament mit seiner Genesis:
"Seid fruchtbar und vermehret Euch und herrschet über die Vögel in der Luft und über die Fische im Wasser".
Dieser Satz ist nicht nur unzeitgemäss, er ist heute geradezu eine Anleitung zum Massenselbstmord.
Nachdem sich das Neue Testament von der Rachsüchtigkeit des Alten losgesagt hat, wird in einer Reihe wunderschöner Anekdoten (The Greatest Story Ever Told) geschildert, wie wir in christlicher Nächstenliebe unser Leben führen sollten. Humanitäre Gedanken wurden aber schon vor Christi Geburt entwickelt und die Trennung von Moral und Religion ist in einigen Kulturen Realität.
Kommt unsere christliche Religion denn wirklich der Wahrheit näher als andere? Sind wir durch sie zu besseren Menschen geworden? Christus predigte Toleranz, wir aber haben die "Heiden" ausgerottet, nicht ohne ihnen vorher mit vorgehaltenem Kreuz ihr Gold abgenommen zu haben. Dass kirchliche Würdenträger todbringende Waffen "segnen", kann man vielleicht noch als peinliche Entgleisung entschuldigen. Bedauerlich ist, dass sie ihre grosse Chance verpasst haben, eine wesentliche Führungsrolle für die Massen der Neuzeit zu übernehmen. Als Gegenstück zur versagenden Politik hätte eine ihrer Verantwortung bewusste Kirche die Menschheit vor dem selbstverschuldeten Untergang ebenso wirksam warnen können, wie sie früher "Ehebrecher" vor der "Hölle" gewarnt hatte.
Eine zeitgemässe Religion kann nicht mehr in der Konsumation überlieferter Vorstellungen durch die Massen bestehen. Die Menschheit ist inzwischen etwas reifer geworden und der Einzelne kann und darf sich seine eigenen Gedanken über Gott und die Welt machen. Dieser neue Glaube wird sich am Erlebnisbereich des Einzelnen orientieren.
Je tiefer wir in das wunderbare Zusammenwirken der belebten und unbelebten Natur unmittelbar um uns einzudringen versuchen, desto sicherer scheint uns die Existenz eines übergeordneten Prinzips. Es manifestiert sich tagtäglich in den unzähligen Wundern der Natur, die trotz den Erklärungen der Kausalforschung die Frage nach dem Warum offen lassen. Darwins Evolutionstheorie genügt eben nicht zur Erklärung, warum ein Insekt seine Species vor dem Ausgerottetwerden ausge-rechnet dadurch schützt, dass es nicht nur die Form eines Blattes durch Mutation erwirbt, sondern eines Blattes mit Blattnerven, ja sogar mit "Pilzbefall" oder "Insektenfrass-Schäden".
Dem Menschen der Gegenwart bieten die Lehren der Kosmologie glaubhaftere Grundlagen auf der Suche nach Gott, als die Bibel. Wenn Wunder Manifestationen Gottes sind, was bedeutet dann schon die Heilung eines Kranken im Vergleich zur unfassbaren Grösse und Vielfalt des Weltalls? Wie kleinlich wirkt doch heute eine "alleinseeligmachende" Religion, erdacht von Lebewesen eines einzigen Planeten, ausschliesslich für einen Teil ihrer selbst geltend. Von der möglichen Existenz ausserirdischen Lebens hat dieser Glaube noch nicht einmal Notiz genommen. Finsteres Mittelalter, wo die Welt zwischen Bosporus und Strasse von Gibraltar Platz hatte, trübt den Blick des traditionell Gläubigen.
Eine Religion schlägt dann den falschen Weg ein, wenn sie den Menschen als Mass aller Dinge in das Zentrum des Alls stellt. Wird Gott "vermenschlicht", so ist er, zumindest für alle naturwissenschaftlich Geschulten, unglaubhaft. Einen Gläubigen als Atheisten zu klassifizieren, nur weil er sich weigert, Gott menschliche Eigenschaften zuzubilligen, entspricht der Arroganz einer fossilen Denkweise. "Menschlich" bedeutet beklagenswerterweise eine Mischung von Gut und Böse (R.L. Steven-son: Dr. Jeckyll and Mr. Hyde). Gott, gleichgültig welchen Namen wir ihm geben (H. Küng: Existiert Gott?), muss einfach jenseits von Gut und Böse stehen. In seiner allumfassenden Grösse und Zeitlosigkeit ist Gott so weit davon entfernt, von uns erfasst zu werden, dass eine vermenschlichte Religionsgrundlage heute einfach peinlich wirken muss.
Wenn Gott, um unsere Sünden vergeben zu können, seinen Sohn (warum nicht Tochter, warum nicht schwarzer Rasse?) von Menschen foltern und töten lässt, so ist das eine Geschichte mit menschlichen Zügen und nicht Religion. Unter Weltgeschichte verstanden wir schon immer die Geschichte der Kriege, der Gewalt und Brutalität eines Teils der Menschheit, keinesfalls aber die Geschichte der Welt. Wie überheblich wir waren, diesen beschämenden Teilaspekt als Welt-Geschichte zu bezeichnen, lehrt uns nicht die Bibel, sondern die Bescheidung, die mit dem Studium der Naturwissenschaften kommt. Das Staunen über die Wunder der Schöpfung und das Zurechtrücken unserer Bedeutung im Kosmos sind die Grundlagen wahrer Gottes-gläubigkeit.
Unser Gottesbild muss entmenschlicht werden. Sollten Massenreligionen als moralisches Leitbild wirklich unsersetzbar sein, so wäre es jetzt an der Zeit, den Begriff der Sünde gründlich zu revidieren. Hölle, Fegefeuer und jüngstes Gericht als Androhung von Strafe sind menschlich/juristische Erfindungen. Wenn der Begriff der Sünde weiterbestehen soll, so müsste er heute völlig andere Verfehlungen des Menschen definieren.
Nicht die Sexualität, sondern ihre unkontrollierte Anwendung als Ursache der ungeheurer beschleunigten Vermehrung der Menschheit mit der daraus folgenden Zerstörung des ihr von Gott geliehenen Planeten ist S ü n d e.
Wenn wir in die von Gott eingeleitete Evolution der Species
eingreifen, indem wir eine ganze Tierart ausrotten, und sei es
nur, weil wir unserer masslosen Vermehrung zufolge immer mehr
Platz brauchen, so ist das S ü n d e.
Wir s ü n d i g e n, wenn wir unseren Mitmenschen
die Lebens-grundlagen vernichten, indem wir ihnen das Wasser
vergiften, durch Abholzen und Zubetonieren die Atmungsluft nehmen
oder sie durch Kriegsführung von unserem "Recht"
zu überzeugen versuchen. Die Bibel warnt nicht vor diesen
wichtigsten Formen der Sünde. Da braucht es auch keine
Androhung von Strafe, die kommt von alleine für alle
Beteiligten und Unbeteiligten, besonders aber für deren
Nachkommen. Es wird keine "Rache Gottes" geben, nur die
entsetzlichen Folgen unserer eigenen Verhaltensweise.
Die Kirche hätte Gutes tun können, indem sie dieser
Entwicklung Einhalt geboten hätte. Obwohl sie dazu in der
Lage gewesen wäre, tat sie es nicht. Ist das nicht die
biblische Definition von "Sünde"?
Wir müssen Gott anderswo suchen als in der Bibel: Im
sub-mikroskopischen Bereich ebenso wie im interstellaren Raum,
vielleicht in einem Teil unserer selbst. Ueberall dort, wo sich
dem Suchenden Zeichen Seines Wirkens offenbaren. Der Bereich des
Messbaren und Erklärbaren endet dort, wo Gott beginnt.
Ich stelle Ihn mir nicht vor als Wesen, nach dessen Ebenbild wir
geschaffen wurden, sondern als ewig unbegreifliches,
vierdimensionales Prinzip, das über Zeit und Raum steht und
das unzählige Lebensformen, darunter auch uns Menschen in
einem in sich selbst geschlossenen All geschaffen hat.
Der Weg zu diesem Leitbild für
"Individual-Religionen" führt über den
Verzicht, den Menschen als Zentrum des Geschehens anzusehen. Eine
tiefe Demut vor der Grösse und Vielfalt der Schöpfung
sowie der Mut, das Unerklärliche einfach zu akzeptieren, wie
sie bei einigen Naturwissenschaftern anzutreffen sind, bilden die
ersten Schritte zu diesem Neuen Glauben.