Panamá

..und was ausser dem Kanal sonst noch dazu gehört

(1. Teil)


Briefe nach Europa, 1969

Liebe, beneidete Daheimgebliebene, liebe schnöd vernachlässigte Verwandte und Bekannte - buenos dias!

Es ist eine Zeiterscheinung, sich für seine Schreibschulden mit "Zeitmangel" zu entschuldigen. Wir könnten sie damit begründen, dass wir zuerst Land und Leute besser kennenlernen wollten, um ein voreiliges Urteil zu verhindern. Doch beschlossen wir, anstatt fauler Ausreden etwas Neues auszuprobieren. Vier Monate vor unserer Rückreise soll dieser vervielfältigte Brief, anstelle einfältiger kleiner Erlebnisse, unsere bleibenden Eindrücke aus zweieinhalb Jahren Tropenexil möglichst objektiv zusammenfassen.

Natà

Unser Wohnort, Natà de los Caballeros, ein Dorf mit 3060 Einwohnern, nennt sich bereits Stadt. Vor Ankunft der Nestlé im Jahre 1947 war hier noch nichts als ein paar Lehmhütten im Busch. In Natà steht die älteste noch benützte Kirche des ganzen amerikanischen Kontinents aus dem Jahre 1522. Natà liegt an der Carretera Interamericana, der "Traumstrasse der Welt", die uns nach 21/2 Stunden Autofahrt mit Panama verbindet.

Panama-City

Die Hauptstadt hat ca 350 000 Einwohner und liegt an der Pazifikmündung des Kanals. Architektonisch hat die Stadt nichts besonderes zu bieten. Die Altstadt ist schmutzig und die Slums sind fast ausschliesslich von Schwarzen bewohnt.
Seit Beginn der Militärdiktatur unter General Torrijos sind in bezug auf Sauberkeit merkbare Fortschritte erzielt worden. Wir erlebten zwei unblutige Revolutionen sowie eine Gegenrevolution, die sich jedoch mehr in der Stadt abspielten und von denen man im Landesinnern kaum etwas zu sehen bekam.

Die zweitgrösste Stadt ist Colon an der Atlantikmündung des Kanals und die drittgrösste, mit rund 50 000 Einwohnern ist David in der Provinz Chiriqui, deren Bewohner sich für etwas anderes als gewöhnliche Panamenier halten. Allein in diesen drei Städten findet man saubere, komfortable Hotels mit Preisen um zwanzig Dollar pro Doppelzimmer und pro Nacht ohne Essen.

Kolonie

Auf dem Areal der Fabrik liegt unsere abgezäunte "Kolonie" mit ihren zwölf Bungalows. Ihr Zentrum bildet ein Schwimmbad mit Kinderbassin, daneben hat es einen Kinderspielplatz mit einem grossen Sandkasten. Die "Kolonialisten" setzen sich zusammen aus Cubanern, Mexicanern, Panameniern, Spaniern, Italienern, Franzosen, Belgiern und Schweizern.
Der Direktor selber ist ein Deutsch-schweizer. Die Häuser stehen in gepflegten Gärten, wo tropische Pflanzen wachsen wie Mango-, Mandel-, Papaya- und Bananenstauden nebst Cocos-palmen und selbst gezogenen "Heimwehpflanzen" wie Sonnenblumen, Zinnien und Astern. Blaugrüne Kolibris schwirren um die Hibiscushecken und die Fabrik stellt Gärtner zur Verfügurg .... alles wie im Paradies. Aber man lebt leider zu eng aufeinander und die Folge ist, dass jeder gern beobachtet, wie der Andere lebt. Die Ambiance ist nicht besonders gut. Es bilden sich Gruppen und Klassen. Der Favoritismus feiert wahre Triumphe. Kurz gesagt: ein Versagen von uns Europäern in Uebersee.
Unser Haus, eines der grössten, hat fünf Zimmer, zwei Bäder, Küche, zwei Einstellräume und ein Mädchenzimmer mit Dusche und WC. Ein sehr helles freundliches Haus mit zwei Klimaanlagen, grossem Kühlschrank und Gasherd. Die Fabrik erzeugt unseren eiektrischen Strom und filtriert und sterilisiert unser Wasser.

Nestlé

Unsere Nestlé versteckt sich hier hinter dem schönen Namen "Compania Panameña de Alimentos SA" (CPASA). Verarbeitet wird während des ganzen Jahres Milch, ausserdem in der Trockenzeit vom Januar bis Mai Tomaten in Form von Purée, Jus, Suppen, Saucen, geschälten Tomaten und Ketchup, in der übrigen Zeit Guandu (lokale Erbsenart), Trockensuppen in Beuteln (importierte Masse aus Holland) und "Nectar", ein Getränk aus kalifornischen Fruchtpulpen wie Birnen, Aprikosen und Pfirsichen.
Eine richtige "Bastelarbeit" sind die Säfte aus tropischen Früchten, die Felix verarbeiten muss, wenn es den Lieferanten gerade passt. Ananas, Guayaba., Papaya und Mango sind von so schlechter Qualität, dass man sie nur mit importierten Fruchtpulpen vermischt geniessen kann. Eine Art Minestrone in Büchsen hat Felix 1968 erstmals produziert und der Erfolg ist so gut, dass die Reklame am Fernsehen abgestellt wurde, weil nicht genug Büchsen zum Verkauf da sind. Die Suppe hat elf Gemüse und insgesamt 27 Rohstoffe. Ganze Armeen von Mädchen schälen das Zeugs von Hand. Wenn der Camion von den Bergen kommt, so fehlt meistens eines der vielen Gemüse, worauf die übrigen im Kühlraum still vor sich hinfaulen, während Felix auf die Suche nach Ersatz geht, denn das Rezept ist auf der Etikette vorgeschrieben. Die Produkte erscheinen unter den Marken Nestlé, Maggi und Libby's ausschliesslich auf dem panamenischen Markt. Ausserhalb der Tomatensaison arbeiten hier ca. 250 Personen.

Felix ist Fabrikationschef für alles ausser Milch und hat während der Campagne 1969 ohne die von Nestlé versprochene Hilfe 26 Mio Pfund Tomaten (12'000 Tonnen) in Büchsen abgefüllt. Das ist natürlich eine wundervolle Aufgabe mit viel Verant-wortung, denn die Qualität der Rohstoffe stinkt buchstäblich zum Himmel und die (ungelernten) Arbeiter geben sich alle Mühe, haben aber doch Schwierigkeiten beim Begreifen. Die Arbeiter haben einen 8-Stundentag und eine 5 1/2 -Tage-woche, Felix einen solchen von 14 bis 16 Stunden während der Tomatenzeit, gelegentlich auch mehr. Nachts wird er oft geweckt, denn der Zustand und das Alter der Installationen erlauben es nicht, mehr als ein paar Stunden ohne Unterbruch zu produzieren. Die Fabrik arbeitet 24 Stunden pro Tag, die 7 Tage der Woche. Auch am Karfreitag, Ostern etc. wird gearbeitet. Ostermontag, Auffahrt, Pfingsten und der zweite Neujahrstag sind hier sowieso unbekannt. Dafür hat Panama viele National-feiertage und Feste von "Heiligen", die allerdings für die Tomatenfabrik nicht gelten.
- Ja es muss ein Privileg sein, für Nestlé in Übersee arbeiten zu dürfen: wenn die Sonne scheint und alle Maschinen schön angeheizt sind, ist die Hitze unter dem Wellblechdach der Fabrik ein Erlebnis. Der Lärm der grossen Eindampfer macht eine Verständigung nur durch Schreien möglich. Einzig die Fliegen scheinen nicht unter diesen Verhältnissen zu leiden und tun sich an den Rohstoffen gütlich. Felix sagt, das Schlimmste sei der Zwang, Produkte von europäischem Qualitätsstandard mit panamenischem Personal und panamenischen Rohstoffen herstellen zu müssen. Nach bald drei Jahren unter diesen "'paradiesischen"' Zuständen hat er schon fast so etwas wie einen Tropenkoller bekommen.

Die Republik Panamà

Panama ist eine unabhängige Republik, die sich 1903 von Columbien löste. Das Land wird durch die den USA gehörende Kanalzone in zwei Hälften geteilt. Eine Brücke verbindet durch die interamerikanische Strasse das Interior mit Panama-City. Nachbarländer sind Costa Rica im Norden und Columbien im Süden. Die Fläche ist dreimal so gross wie die der Schweiz, aber es hat nur 1,46 Mio Einwohner, die jedoch im explosionsartigen Wachstum begriffen sind. Die Lufttemperatur ist d.as ganze Jahr zwischen 27 und 38° C bei 85 - 100 % relativer Luftfeuchtigkeit. Nachts kühlt es fast nicht ab. Die Regenzeit dauert von Mai bis Dezember, wobei es aber noch viele schöne Tage gibt und fast jeder Morgen Sonnenschein bringt. Während der Trockenzeit regnet es nur selten. Eine Bergkette, die Cordilleren, halbiert das Land in der Längsrichtung. Der Norden ist noch absolut unerschlossen: Urwald von den Bergspitzen bis zur Atlantikküste.

Die Wirtschaft

Die Südseite des Landes ist durch Abholzen des Waldes vor Jahrhunderten total verwüstet worden. Weite Striche zeigen Erosion und beim geringsten Regenfall schwemmen die Flüsse Hunderte von Tonnen Erde ins Meer, so dass man heute versucht, durch kostspielige bilaterale Hilfsprojekte, die künstliche Bewässerung einzuführen. Fast die ganze Pazifikküste ist verschmutzt, es gibt keine industrielle Fischerei und auch keine sauberen Badestrände. Die Landwirtschaft ist unorganisiert. Ausser ein paar Grossgrundbesitzern hat es unzählige Klein- und Kleinstbauern, deren Unwissen wie Abbrennen, jahrelange Monokultur oder Einschleppen von Krankeitskeimen in den Boden, diesen armen Campesinos nur einen jämmerlich bescheidenen Ertrag pro Hektare erlaubt. Trotzdem das Volkseinkommen beileibe nicht hoch ist, sagt man, Panama sei eines der bestsituiertesten Länder Südamerikas. Die Landesprodukte sind Zucker, Salz, Milch, Tomaten, Crevetten, Mais, und Reis. Alles andere muss importiert werden, auch der Weizen aus USA und Canada. Gemüse gedeihen nur wenige und nur auf den beiden hochgelegenen Vulkanplateaux Boquete und El Valle. Es gibt viele verschiedene exotische Kleintierarten, die aber, sofern essbar, alle vom Aussterben bedroht sind.

Verkehr

Nur eine grosse Strasse durchzieht das Land in Längsrichtung, parallel zu den beiden Ozeanen und am Fusse der Cordilleren: Die "Interamericana" oder "Panamericana". Sie verbindet Alaska mit Feuerland an der Südspitze Südamerikas. Diese 20 000 km lange Riesenstrasse hat nur noch ein fehlendes Stück, und zwar ausgerechnet in Panama, im sumpfigen Urwald des Darièn. Will jemand, was selten vorkommt, mit dem Auto von Nord- nach Südamerika, so muss er, hat er keinen Jeep mit Seilwinde und drei Wochen zur Verfügung, in Panama einschiffen. Aber ohne Auto.
Ab und zu bringt uns die Interamericana schweizerische Weltenbummler, die mit Bärten, Guitarren und Döschwo, so zwischen Sekundar- und Rekrutenschule schnell noch die halbe Welt sehen wollen. Oft sind sie überrascht über die formellen Reiseschwierigkeiten in Panama und über die mangelnde Solidarität der Überseeschweizer mit ihren jungen Landsleuten. Wir selber freuen uns immer über solche Besuche und haben schon aufgeschlossene, dankbare junge Leute kennengelernt.
Auf dem 200 km langen, asphaltierten Teilstiick nach Panama wird man viermal von der Polizei angehalten, die von iedem Auto die Nummer aufschreiben will. Keiner weiss eigentlich warum. Gefahren wird ohne Prüfung und in Autos von teilweise himmeltraurigem Zustand. Die Haftpflichtversicherung ist freiwillig und alkoholisch fahren wird nicht bestraft. Der Betrunkene, der uns 1968 eine $ 400.00 - Beule in unser Auto gefahren hat war auch nicht versichert und konnte, obwohl für schuldig erklärt, nicht zum Zahlen gezwungen werden. Unsere eigene Versicherung musste bezahlen und schmiss uns hinterher hinaus. Als letztes Jahr einer von Felix' Arbeitern, ein netter junger Familienvater, von einem betrunkenen Autofahrer getötet wurde, sperrte man letzteren für ganze sechs Tage ein. Seither fährt er wieder und man erwartet, dass er auch ein drittes Mal töten wird. So wenig gilt hier ein Menschenleben. Rolando war uns näher bekannt, weil er uns oft am Samstagnachmittag das Auto wusch und unserem Thomas sogar zu Weihnachten einen panamenischen Kinderschaukelstuhl schenkte.

Tourismus und Sehenswertes

Der Tourismus steckt noch in seinen Kinderschuhen. Eine grosse Attraktion ist allerdings der den Amerikanern gehörende und von ihnen betriebene Kanal. Flo (Frieda) hat ihn schon zweimal durchfahren als Gast des italienischen Kapitäns auf Schiffen mit schön klingenden Namen wie Donizetti, Verdi oder Rossini. Sie hat auch einen Film gedreht, der die drei Gruppen von Schleusen mit den Schiffen im Schlepptau der el. Lokomotiven schön illustriert. In der Mitte durchfährt man den See Gatun, der bei der Aushebung des Kanals aus dem umliegenden Buschland entstanden ist.
Im Gatún liegt das einzige Wildreservat in Panama, die von amerikanischen Wissenschaftern geleitete Forschungsstation auf der Insel Barro Colorado. Dort sollen alle Tier- und Pflanzenformen, wie sie vor der Zerstörung des Landes vorkamen, noch erhalten sein.
Der Kanal besteht aus Süsswasser. Seine Schleusen sind nötig, weil der Unterschied zwischen Ebbe und Flut im Pazifik rund einen Meter, im Atlantik aber nur dreissig Zentimeter beträgt. Die Durchfahrt dauert acht Stunden und zur Rückfahrt kann man den einzigen Eisenbahnzug in Panama nehmen, der von Colón durch die Kanalzone nach Panama-City fährt. Interessant ist, dass die Atlantikmündung des Kanals etwa sechzig Kilometer weiter im Westen liegt als die Pazifikmündung. Das kommt daher, dass der Istmus von Panama eine S-förmige Verbindung der beiden Kontinentalhälften bildet.

Gegenwärtig redet man viel von einem Projekt für einen zweiten Kanal ohne Schleusen, für den sich Panama interessiert, falls die USA, wie für die Darien-Strasse, das Geld dazu geben. Der Panamakanal ist Broterwerb für viele Panamenier und eine gute, bequeme Einnahmequelle für die Regierung mit ihren mannigfaltigen Entwicklungsaufgaben.

Im Jahre 1671 stach der englische Pirat Henry Morgan von Jamaica aus unter schwarzer Flagge ins Meer, um die Stadt Panama anzuzünden.
Gras wächst über die Ruinen von Panama Vieja, während nebenan ein neues, besseres Panama entsteht.
Wir werden das wohl kaum mehr erleben, denn bald stechen wir unter holländischer Flagge (KLM) in die Luft, mit dem zusätzlichen Unterschied, dass uns Panama nicht mehr anzünden kann.

Kulturelles Leben

Hier im Interior ist die verfügbare geistige Nahrung gleich Null. Wir haben gut getan, alles Benötigte von daheim mitzunehmen, so Bücher, Platten, Bänder und Filme. Wenn es nicht regnet, können wir die beiden TV-Programme aus Panama empfangen. Beide Kanäle bringen zweitklassige, von den Amerikanern übernommene und in Mexico synchronisierte Serien über Mord, Brutalität und Seifenopern. Da ist die "Flintstone" - Serie mit Abstand das Beste. Einige der zahllosen "Spots" laufen seit 21 Jahren. Die Waschmittelfabrikanten geraten sich auf dem Bildschirm in die Haare und die Glütterliwasser - Hersteller lügen das Blaue vom Himmel.
Das Radio bringt überhaupt nur Reklame, unterbrochen von "Bindin" was heute Salsa = Sauce heisst, dem nationalen Hudigäggeler. Wenn wir da mit dem schwerkritisierten Beromünster oder Bellerive vergleichen wollten.....

Unsere panamenische Tageszeitung kommt mit einem Tag Verspätung hier an. Aus ihr erfahren wir das, was die gegenwärtige Regierung will, dass wir erfahren. Neuigkeiten aus der grossen, weiten Welt bringt uns die BBC auf Kurzwellen oder die Wochenendausgabe des Tagesanzeigers.

Geld

Zum Glück für die panamenische Wirtschaft gilt hier der amerikanische Dollar. Er heisst zwar, im typischen nationalen Stolz, "Balboa", aber in Wirklichkeit gibt es nichts dergleichen, oder doch nur als Kleingeld in Form, Grösse und Einheit des US-Geldes. Als Papiergeld sind ausgediente US-Dollars mit einer Keimzahl von über 4 Mio pro cm2 im Umlauf. Der Papi verdient zwar ganz anständig, aber das Leben ist sehr teuer hier. Besonders die Lebensmittel, da ja fast alles importiert werden muss und die Regierung hohe Schutzzölle erhebt. Wir rechnen den Balboa zu Fr. 2.- . Hingegen ist die Teuerung weniger stürmisch als in der Schweiz.

Guardia Nacional

Hüter von Ruhe und Ordnung und, seit dem 11. Oktober 1968 auch Rückgrat der Regierung, ist die Nationalgarde, ein bewaffnetes Polizeicorps. Im Kriegsfall garantieren die Amerikaner die Unabhängigkeit des Landes. Der Dienst bei der Guardia ist freiwillig und berufsmässig. Die Guardia organisiert auch den Verkehr, kontrolliert den Luftverkehr (allerdins ohne für dessen Sicherheit besorgt zu sein; das machen die Amerikaner), inszeniert ab und zu ein Revoluziönli oder greift bei Wahlbetrug ein.

Sprache

Als die Spanier den Ureinwohnern Südamerikas das Christentum aufzwangen, indem sie die Indianer um- und ihr Gold nach Europa brachten, wurde beschlossen, dass Spanisch die Sprache des neuen Kontinents sein sollte. Es ist nicht einzusehen, wieso dieses Vorhaben nie durchgeführt worden ist.
Hier wird mit einer geradezu atemraubenden Schnelligkeit gesprochen. Aber praktisch unverständlich, mit halbgeschlossenen Lippen. Im Landesinnern versteht kein Mensch eine Fremdsprache.
Felix hat in seinen ersten Wochen seine Fabriks-Vorarbeiter oft gebeten, ein wenig langsamer zu reden, aber ohne jeden Erfolg.
Wir beide haben bedeutend länger gebraucht um hier gleichviel Spanisch zu lernen, wie etwa in sechs Monaten Holländisch. Zum Teil mag das sein, weil wir langsam älter werden, aber wir glauben doch eher, das Murmeln der Leute sei schuld.
Felix sagt, die Kadenz der Redegeschwindigkeit sei der Arbeitsgeschwindigkeit umgekehrt proportional. Was immer das heissen soll.

Bürokratie

Ueberall auf der Welt ist die Bürokratie eine der schönsten Errungenschaften der schöpferischen Menschheit. In Panama hat sie es zu einer geradezu barocken Kompliziertheit gebracht. Für unsere Ferien auf Jamaica, zum Beispiel, mussten wir, trotz der Hilfe des Schweizer Konsulats, drei Mal nach Panama - City reisen für Steuerbestätigung, Einreisevisum, Ausreiseerlaubnis usw. Hat man diese Ausweise endlich im Pass, so ist das noch lange keine Garantie, heil davon zu kommen. Im Land, wo man hinreist, muss man unbedingt das panamenische Konsulat aufsuchen, um diese Ausweise noch abstempeln zu lassen. Alle Papiere zusammen kommen, ohne Reise, Verpflegung und Uebernachten in Panama auf $ 35.00 zu stehen. Sucht man sich als Ferienziel ein Land aus, das ausgerechnet kein panamenisches Konsulat hat, so zahlt man nachher eben eine Busse. Hat man das Pech, wie wir in Jamaica, drei Autostunden von Kingston weg an der Nordküste seine Ferien zu verbringen und wählt für diese Prozedur etwa den Montag, Samstag oder Sonntag, Tage, an denen das Konsulat nicht arbeitet, so riskiert man, nicht mehr einreisen zu können. Zum Mindesten verliert man aber seinen Pass, bis pro Visum $ 5.00 Busse bezahlt worden sind. Diese Busse wird dann als solche in den Pass eingetragen. Da ist doch Felix vor einiger Zeit folgende Geschichte passiert. Lassen wir ihn selbst erzählen:

Auf Einladung einer amerikanischen Konkurrenzfirma flog ich nach São Paulo, um mich dort vorzustellen. Damit Nestlé nichts davon erfährt, musste die Besprechung natürlich an einem Sonntag stattfinden, etwa so: Arbeitsschluss - 10 Std. Flug - Rendezvous in Brasilien - 11 Stunden Flug über den Amazonas - Fortsetzung der Arbeit. Klar, dass ich sonntags nicht den Stempel des panamenischen Konsulats bekommen konnte. Ich hatte die grösste Mühe, wieder aus der Sechsmillionenstadt wegzukommen, denn die PanAm wollte mich ohne diese Formalität nicht mitfliegen lassen. In Caracas stieg der Schweizer Konsul für Panama aufs Flugzeug, begrüsste mich herzlich, nahm mir den Pass und $ 5.00 ab, um die Busse zu bezahlen und bahnte mir einen Weg durch Zoll und Einwanderung. Alles schön, gut und normal bis jetzt, aber man müsste vielleicht ergänzen, dass der Vertreter der schweizerischen Eidgenossenschaft in Panama traditionsgemäss immer gleichzeitig auch das Amt des Nestlé-Generaldirektors inne hat. Boing! Dazu kommt noch der schöne Umstand, dass der "Präsident" Venezuelas just an diesem Tag den "Präsidenten" Trinidads in Caracas verabschieden musste, wozu über der Piste des Flugplatzes mit Kanonen geschossen wurde. Der internationale Linienverkehr wurde zu diesem Zwecke lahmgelegt. Mit einer Stunde Verspätung in Panama angekommen, reichte mir das Tageslicht nicht mehr aus, um mit meiner Cessna, die auf dem Flugplatz wartete, heimzufliegen. Ich musste in Panama übernachten. Am folgenden Morgen wollte ich zwar um 05:45 h bei Sonnen-aufgang abfliegen, um doch noch zur Zeit zur Arbeit zu erscheinen, aber die Aeronautica Civil (das nationale Luftamt) hatte, und niemand wusste warum, bis 6:30 h ein Startverbot erlassen.
Mit dem Stempel von São Paulo im Pass und 3/4 Std. Zuspäterscheinen wird es wohl kein Geheimnis mehr sein, dass der Fabrikationschef Maggi/Libby/Crosse & Blackwell "etwas sucht". Ich hoffe nur, dass es auch kein Geheimnis mehr ist, w a r u m er etwas sucht. Obwohl Panama tüchtige, spezialisierte Arbeitskräfte auf allen Gebieten dringend nötig hat, ist es unendlich schwer, eine Arbeits- und Niederlassungsbewilligung zu kriegen. Ohne Hilfe der Firma wäre das ein hoffnungsloses Unternehmen. Flo wurde kürzlich, nach 1 3/4 Jahren und vier Monate vor ihrer Abreise, stolze Besitzerin einer definitiven Aufenthaltsbewilligung. Wie jeder weiss, sind wir weder Berühmtheiten noch Photomodelle, aber der Verbrauch der hiesigen Regierungsstellen an Portraits von uns ist geradezu phantastisch. Felix musste bis jetzt insgesamt dreiundvierzig Passphotos abliefern, während es Flo bis jetzt "nur" auf achtundzwanzig gebracht hat.

Haushalthilfen

Die Arbeitslosigkeit ist gross und die Auswahl arbeitsfähiger Mädchen genügend. Komischerweise wollen aber viele Mädchen gar nicht arbeiten und die Familienväter unternehmen nichts dagegen. Das bisschen Reis, Yuca, Bohnen und grüne Bananen, das die tägliche Nahrung der Mehrzahl bildet, kostet nicht viel oder wächst auf dem Hof hinter dem Haus. Wählt man sich so ein Mädchen als Haushilfe aus, so gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man nimmt eines aus einer Lehm-und-Wellblechhütte in den Bergen und muss ihm dann von der Benützung der Toilette und der Dusche bis zur Zubereitung des Essens alles selber beibringen. Oder man findet eines mit Erfahrung und Selbständigkeit, läuft dann aber Gefahr, tüchtig belogen und bestohlen zu werden. Wir waren da im zweiten Fall. Unsere Mercedes kam aus einer Hütte im Busch, wo kein Wasser, keine Bettücher und keine Fenster oder Türen vorhanden sind. Sie arbeitete geradezu phantastisch, absolut selbständig und sehr schnell; kochte auch ausgezeichnet und verstand sich gut mit Thomas. Anderthalb Jahre war sie bei uns praktisch Bestandteil der Familie und verdiente mit 40 Dollar mehr als das Mädchen im Direktionshaus. Wir nahmen sie sogar letztes Jahr nach Jamaica mit. Seit einiger Zeit verschwanden nun aber auf misteriöse Weise Dinge aus unserem Haushalt. Oft Lebensmittel, ab und zu ein paar Dollar, Textilien, ein goldenes Armband und schliesslich auch Flo's goldene Armbanduhr, das Hochzeitsgeschenk von Felix. Nachdem kürzlich Flo in Mercedes' Tasche (sie übernachtet bei ihrem verheirateten Freund) eine Tüte mit Zucker entdeckte, kam es zur Konfrontation. Mercedes bestand darauf, es sei kein Zucker, sondern Gift gegen Blattschneiderameisen, das sie in der Fabrik bekommen hatte. Zum Gegenbeweis assen wir beide einen Löffel "Ameisengift", welches genau wie Zucker schmeckte. Darauf packte Mercedes ihre Kleider ein und verschwand. Am anderen Tag ging Felix zur Guardia und das DENI, die panamenische Kopie des amerikanischen FBI (!) nimmt sich jetzt der Sache an. Bei ihrer Einvernahme soll sie alles ausser die Geschichte mit dem Zucker geleugnet haben. Erstaunlich, dieser Defekt der 30 Jahre alten Frau, besonders nachdem Felix ernsthaft mit ihr geredet hatte, da sie ja ihre vorherige Stelle aus dem gleichen Grund Richtung Gefängnis hatte verlassen müssen. Traurig, dass die goldene Uhr eine grössere Anziehungskraft auf sie ausübte, als das gute Zeugnis in Spanisch und Englisch, das Felix ihr versprochen hatte, wenn wir Natà verlassen.


Fortsetzung

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