Verkehrsprobleme

Die rohen Sitten auf unseren Strassen

Nr. 11 in einer Serie
über grosse und kleine Gegenwartsprobleme

17. Juli 1989


Wie sinnvoll kann eine rein politische Massnahme zur Geschwindigkeitsreduktion sein, wenn sich trotz Verteuerung im Bussenkatalog nur jeder zehnte Motorfahrzeuglenker an signalisierte Geschwindigkeitsvorschriften hält?

In Brasilien wird der Wald abgebrannt, während die Zürcher dreissig Prozent langsamer fahren sollen! Eine riesige Sauerstoffquelle versiegt und geht in Verbrennungsgasen auf, während man bei uns mit 10 bis 20 km/h Temporeduktion die Schadstoffkonzentration verringen will.

Da unser Land auch meteorologisch keine Insel ist, müssen unsere Politiker lernen, Umweltpolitik in ihren globalen Zusammenhängen zu verstehen. Dazu gehört in erster Linie die Bevölkerungskatastrophe in Entwicklungsländern. Dann die Rückbesinnung auf eigene Werte. Durch die Finanzierung industrieller Megaprojekte bedrohen wir die ganze Welt.

Sehr viel mehr als die Zürcher Kantonsregierung könnten die Banken zum Schutz unseres Planeten beitragen. Dann nämlich, wenn sie statt der gewinnbringenden "Entwicklungshilfe" in Ländern der dritten Welt deren Familienplanung, soziale Erziehungsprogramme und Wiederaufforstungsprojekte unterstützten. Solche Investitionen bringen langfristig mehr als die Finanzierung umweltzerstörender Projekte, auf deren Verzinsung man dann schliesslich unter Druck doch verzichten muss. Sollte diese Art der Hilfe von den lokalen Regierungen als Einmischung in interne Angelegenheiten abgelehnt werden, so wäre es besser, wenn sich die Banken aus diesen Ländern ganz zurückzögen.

Rechtsfahren auf Autobahnen

Vor Jahren gab es die Verkehrserziehungs-Aktion "Fahre rechts - die Strasse wird breiter"; wie Sie wissen, ist sie ohne Erfolg geblieben. Auch die neueren Schilder "Rechts Fahren" werden kaum beachtet. Täglich wiederholt sich die gleiche Szene: Benütze ich vorschriftsgemäss die rechte Spur mit einigen hundert Metern freie Fahrt vor mir, so nähere ich mich langsamer fahrenden Fahrzeuge, die auf der Spur links von mir fahren. Um nicht gegen das Rechtsüberholverbot zu verstossen, muss ich dann jeweils abbremsen, obwohl auf meiner rechten Spur weit und breit kein Fahrzeug ist.

Viele Motorfahrzeugfahrer benützen wohl prinzipiell die mittlere oder gar linke Spur, auch dann, wenn sie weniger als die erlaubte Höchstgeschwindigkeit fahren. Für dieses, sicherlich falsche Verhalten, sind mehrere Ursachen denkbar:

Wenn ich mich nach minutenlanger freier Fahrt bei der erlaubter Maximalge-schwindigkeit auf der rechten Spur befinde, so müsste ich eigentlich gar nie damit rechnen, plötzlich überholt zu werden. Bei der heutigen Situation ist das ständige Beobachten des Rückspiegels, einschliesslich des toten Winkels aber nicht nur wegen gelegentlicher Notfahrzeuge erforderlich, sondern weil das Ueberholtwerden mit Ðbergeschwindigkeit zur Regel geworden ist.

"Höchst"- Geschwindigkeiten

Auf einem dreispurigen Abschnitt der N2 zum Beispiel, wird man von zwei Seiten regelmässig überholt wenn man sich an die maximal zulässige Geschwindigkeit hält. Zwischen den Abfahrten Birsfelden und Basel City hält sich kaum iemand mehr an die signalisierte Höchstgeschwindigkeit. Als Fahrer, für den diese Vorschrift immer noch gilt, ist man heute in der Minderheit und fragt sich, ob man die Unfallquote nicht gerade dadurch erhöht, dass man allein unter Vielen langsamer fährt. Was man da als "Höchstgeschwindigkeit bezeichnet, ist in Wirklichkeit eine Minimalgeschwindigkeit.

Die prozentuale Rate der Geschwindigkeitsübertretungen ist nach meinen Schätzungen bei ausländischen Fahrzeugen höher als diejenige des Gesamtverkehrs. Ich selber erlebte seit Jahren keine polizeiliche Geschwindigkeitskontrolle mehr und von Radarmessungen hört man nur selten.

Vorschläge:

Ein Fahrer, der seine Geschwindigkeit (im Sinne des alten MFG) den Verkehrs-verhältnissen anpasst, müsste als
g u t e r Fahrer definiert werden. Der aber braucht gar keine signalisierten Speed Limits. Derjenige, der sie braucht, hält sich ohnehin nicht daran. Wozu also der Schilderwald? Gewiss ist Verkehrserziehung besser als noch mehr Verbotsschilder. Die Aufnahme-kapazität der meisten Fahrer ist bei den gegebenen Geschwindigkeiten ohnehin bereits erschöpft. Leider hat sich gezeigt, dass der Appell an die Selbstdisziplin an der Selbstüberschätzung abprallt. Also bleiben nur noch verschärfte Kontrollen und Strafen. Ich kann mir vorstellen, dass der Polizei dazu das nötige Personal fehlt. Ein weiterer negativer Aspekt ist, dass dann die wenigen Korrekt-Fahrenden für die Fehler der Unverbesserlichen mit Zeit und Geld aufkommen müssten. Bleibt noch die Straffung der Fahrschulen und -prüfungen, ev. mit periodischen Nachprüfungen wie beim Flugpersonal.

Ich werfe den Fahrschulen vor, dass es ihnen nicht gelingt, ihren Schülern folgende primären Autofahrer-Fähigkeiten beizubringen:


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